Die Klangeinstellung in der Elektrogitarre

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Die Klangeinstellung in der Elektrogitarre

Nachdem ich vor einiger Zeit bereits zwei Beiträge zum Thema Lautstärkeeinstellung geschrieben habe, wird es jetzt Zeit, sich mit der Klangeinstellung zu befassen.

Im Vergleich zu dem modernen Bassisten zählt die 6- oder 7-saitige Ausführung dieser Gattung Musiker eher zu den konservativen Puristen. Auch heute noch wird in den meisten Elektrogitarren eine Schaltung verwendet, die in Unwissenheit ihrer eigentlichen Wirkungsweise einfach aus dem Schaltplan eines Radios entnommen wurde. Wie sie und einige ihrer Variationen funktioniert, ist Gegenstand dieses Beitrages. Im weiteren Verlauf werde ich vielleicht einige Begriffe verwenden, die dem einen oder anderen fremd sind. Hier hilft dann ein Blick in Guitar-Letter II und III.

Alle folgenden Amplitudengänge wurden mit den elektrischen Daten eines Fender Stratocaster-Tonabnehmers simuliert. Der Drehwinkel der Potis wird grundsätzlich in Prozent angegeben, wobei eine logarithmische Charakteristik (10% bei 50% Drehwinkel) verwendet wurde.

Die Schaltbilder enthalten auf der linken Seite die Ersatzschaltung eines magnetischen Tonabnehmers mit der Spannungsquelle U0, der Spuleninduktivität Ls, dem Gleichstromwiderstand Rs und der Wicklungskapazität Cs.

Als Belastung wurde eine Kabelkapazität CK sowie der Eingangswiderstand Rin und die Eingangskapazität Cin der ersten Verstärkerstufe berücksichtigt.

Wie der Klang eines elektromagnetischen Tonabnehmers aus elektrischer Sicht zustande kommt, habe ich in Guitar-Letter II und III ausführlich beschrieben. Wer da noch Nachholbedarf hat, hat dann Futter für die nächsten Abende. ;)

Wenn man wissen möchte, wie ein Netzwerk bei Ansteuerung mit verschiedenen Frequenzen reagiert, so verwenden die Elektrotechniker sehr gerne ein sogenannte Bode-Diagramm, welches aus dem Amplituden- und Phasengang der Übertragungsfunktion gebildet wird. Für unsere Bedürfnisse ist es ausreichend, nur den Amplitudengang (engl. Frequency Response) zu betrachten.

Los geht es...

1. Der Standard: Die Tonblende

Die sogenannte Tonblende (engl. Tone) besteht aus einer Reihenschaltung eines veränderlichen Widerstandes (PT) und eines Kondensator (CT). Diese Anordnung wird in der Regel parallel zum Tonabnehmer geschaltet. Im folgenden Bild ist die Ersatzschaltung von Tonabnehmer, Gitarrenelektronik sowie Kabel und Verstärkereingang dargestellt.



Man erkennt in der blauen Linie des Amplitudenganges bereits den typischen Verlauf der Übertragungscharakteristik eines elektromagnetischen Tonabnehmers. Auffällig ist der "Berg", dessen Lage durch die sogenannte Resonanzfrequenz charakterisiert wird. Sie beträgt in diesem Beispiel 3.542kHz mit einer Ausprägung von 4.90dB. Das heißt, der Tonabnehmer betont die Frequenzen in diesem Bereich ungefähr mit einem Faktor von 1.75. Den "Klang" eines solchen Tonabnehmers kann man umgangssprachlich als "grell" und "metallisch" bezeichnen, eben genau der Sound, den man von einer alten Stratocaster aus den 50er Jahren erwartet.

Wenn man jetzt am Tone (PT) dreht, verändert sich der Amplitudengang. Im Bild wurden insgesamt 10 Amplitudengänge für Drehwinkel von 100% bis zu 0% mit einer Schrittweite von 10% dargestellt.

Man erkennt, daß der "Berg" langsam kleiner wird und schließlich ganz verschwindet (50%, Rot). In der Endstellung von PT ist jedoch schon wieder ein "Berg" aufgetreten. Er liegt bei 647Hz / 4.34dB. Diese Einstellung wird von den meisten Musikern als "dumpf" oder "muffig" empfunden und in der Regel gemieden.

Die Erklärung für dieses Verhalten habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich beschrieben. In der Kürze kann man sagen, daß der zweite "Berg" zustande kommt, weil über das Poti eine weitere Kapazität parallel zum Tonabnehmer geschaltet wird, welche so die Resonanzfrequenz der gesamten Schaltung verringert. Die Lage dieser Frequenz wird also von CT beeinflußt. Verändert man seinen Wert, so verschiebt sich auch der dazu gehörende "Berg".

Häufig hört man Klagen, daß die Tonblende eine schlechte Einstellbarkeit aufweist. Dahinter verbirgt sich die Frage, wie sich die veränderliche Größe in Abhängigkeit des Drehwinkels verhält. Dieses Verhalten kann durch die sogenannte Linearität beschrieben werden. Es stellt sich dann nur die Frage, was die veränderliche Größe ist? Ich habe mich dafür entschieden, insgesamt drei Größen zu betrachten:

  1. Die Absenkung der Anfangsresonanzfrequenz (hier 3.542kHz),
  2. die Ausprägung der tatsächlichen Resonanzfrequenz und
  3. die tatsächlichen Resonanzfrequenz.
Die Absenkung der Anfangsresonanzfrequenz wird durch die blaue Kurve dargestellt. Sie hat einen sehr schönen, fast geraden Verlauf. Wenn man bei einen graphischen Equalizer die Übertragung einer Frequenz verändert, erwartet man genau ein solches gleichmäßiges Verhalten.

Aus Gründen auf die ich hier nicht näher eingehen möchte verändert sich mit dem Drehwinkel auch die Resonanzfrequenz. Die grüne Linie zeigt dieses Verhalten. Sie ist zwischen 40% und 65% unterbrochen, da es in diesem Bereich tatsächlich keine Resonanz gibt und die Schaltung einfach nur als Tiefpaß mit variabler Grenzfrequenz arbeitet.

Die rote Linie zeigt die Ausprägung der tatsächlichen Resonanzfrequenz. Auch sie ist unterbrochen.

Der Klangeindruck, der entsteht, wenn man an der Tonblende dreht, ist also das Ergebnis eines relativ komplizierten Vorganges. Hier ist sowohl eine Verringerung der Amplitude als auch eine Einschränkung der "Bandbreite" durch das Tiefpaßverhalten beteiligt.

Zwischen 100% und 80% geschieht nicht wirklich etwas weltbewegendes. Man muß da schon sehr genau hinhören. Der dramatische Bereich beginnt bei 65%. Ab hier wird die Übertragung der hohen Frequenzen drastisch eingeschränkt.

Ab 40% beginnt sich wieder eine Resonanz zu bilden, die den dumpfen Klangeindruck jedoch nicht mildern kann, sondern ihn durch die Betonung lediglich etwas charakteristischer macht.

Würde man ein lineares Pot verwenden, so verschiebt sich der Beginn des Tiepaßbereiches auf 20% und alle drei Kurven haben bis dahin einen sehr flachen Verlauf. Da passiert also wirklich nichts. Der Unterschied in der Dämpfung beträgt gerade mal 4dB!

Fazit:

Im Gegensatz zu einem Equalizer beeinflußt die passive Tonblende mit der Amplitude und der Frequenz gleich mehrere Eigenschaften der Schaltung. Aus elektrischer Sicht ist dies Schaltung also nicht besonders glücklich. Ein Techniker möchte lieber Amplitude und Frequenz voneinander unabhängig verändern können. Das setzt jedoch ein vollkommen anderes Schaltungskonzept voraus.

Für die Tonblende sollte unbedingt ein Potentiometer mit logarithmischer Charakteristik verwendet werden.

2. Delta Tone: Die Tonblende mit NoLoad-Poti

Vor einigen Jahren hat Fender in einigen Instrumenten das sogenannte "NoLoad-Poti" eingeführt. Es handelt sich dabei eigentlich nicht um ein Potentiometer, sondern um einen abschaltbaren veränderlichen Widerstand. Man kann sich leicht selber ein solches Poti machen, indem man die Widerstandsbahn an einem Ende unterbricht. Bewegt man den Schleifer dann über diese Stelle hinweg, so wird der Widerstand dann effektiv unendlich groß.

Aufgrund dieser Eigenschaft kann das NoLoad-Poti nicht für die Lautstärkeeinstellung verwendet werden!

Wie sieht jetzt die Simulation aus? Hier ist sie:



Man erkennt, daß der blaue "Berg" im Amplitudengang jetzt mit 3.694kHz / 8.66dB deutlich größer ist. Diese Eigenschaft ergibt sich aus der Tatsache, daß nun das Poti "ausgeschaltet" ist und die gesamte Tonblende nicht mehr den Tonabnehmer belastet.

In der Linearität erkennt man, daß ganz am rechten Rand die Kurven einen leichten Sprung haben. Hier ist also der Schaltvorgang in seiner Auswirkung zu erkennen.

Darüber hinaus ist hier nichts neues zu bemerken.

Fazit:

Die Verwendung des NoLoad-Potis erzeugt in der 100%-Stellung gegenüber der Standardschaltung eine um 4 bis 5 dB höhere Resonanzspitze.

3. Die "Revolution": Das TBX-Control

Vor ein paar Jahren begann Fender damit, einige Versionen der Stratocaster mit einer neuen Klangeinstellung auszurüsten. Das sogenannte "TBX-Control" ersetzte dabei die herkömmliche Schaltung. Jetzt wurde ein spezielles Tandempoti mit einer Raste in der Mittelstellung verwendet und ein zusätzlicher Widerstand eingebaut.

Um die Funktionsweise der Schaltung verstehen zu können, muß man erst einmal wissen, wie dieses Poti aufgebaut ist. Hier ein Ausschnitt aus einem Schaltbild:



Es handelt sich um eine Kombination zweier spezieller Potis auf einer gemeinsamen Achse. Das Potentiometer PT ist in seiner Funktion mit dem NoLoad-Poti zu vergleichen. Allerdings schaltet es schon bei einem Drehwinkel von 50% ab. Dies wird erreicht, indem die Hälfte der Schleiferbahn aus nichtleitendem Material besteht. Für Drehwinkel von 0% bis 50% verändert sich der Wert des Widerstandes von 0 bis zum maximalen Wert. Dieses Teilpoti, daß wiederum nur ein einstellbarer Widerstand ist, ist mit einem Kennwert von 250kOhm oder 500kOhm erhältlich. Es übernimmt zusammen mit dem Kondensator CT die Aufgabe der klassischen Tonblende.

Das zweite Potentiometer ist ebenfalls mit einer geteilten Schleiferbahn versehen. Allerdings wird hier, statt der nichtleitenden Schicht, Metall verwendet. Das hat zur Folge, daß der Widerstand zwischen 0% und 50% maximal ist und erst ab 50% kontinuirlich auf 0 abnimmt. Dieses Poti hat grundsätzlich einen Kennwert von 1MOhm.

Kommen wir jetzt zur Funktion, die in zwei Schritten erklärt wird:

Bei einem Drehwinkel von 100% ist PT ausgeschaltet. Die Tonblende funktioniert nicht. PTb hat mit 1 MOhm seinen maximalen Wert und belastet den Tonabnehmer nur sehr gering. In der Folge wird die Spitze der Resonanz stärker ausgeprägt sein, als bei der normalen Tonblende in dieser Stellung der Fall ist.

Von 100% bis 50% wird PTb kontinuierlich kleiner. Damit steigt die ohmsche Belastung des Tonabnehmers und die Resonanzspitze wird bedämpft. Folge: Der "Berg" wird kleiner.

Von 50% bis 0% ändert PTb seinen Wert nicht mehr. Jetzt bleibt nur noch die konstante Dämpfung durch RD übrig. Gleichzeitig beginnt PT als normale Tonblende zu arbeiten, die in der Endstellung (PT=0) wieder eine Resonanz zur Folge haben wird.

Sehen wir uns jetzt einmal die gesamte Schaltung und das Ergebnis der Simulationen an:



Wie erwartet, liefert die Schaltung bei der Einstellung 100% eine größere Spitze (Blau). Sie beträgt in diesem Fall 3.668kHz bei 7.62dB und liegt damit zwischen der Standardschaltung und dem NoLoad-Poti.

Bei einem Drehwinkel von 0% ist wieder eine Resonanz vorhanden (Grün). Sie liegt bei 642Hz / 2.7dB. Verglichen mit der normalen Tonblende ist hier die Ausprägung gut 2dB schlechter, was auf den dämpfenden Einfluß von RD zurückzuführen ist.

Der grundsätzliche Verlauf der Amplitudengänge ist absolut vergleichbar mit der Tonblende und dem NoLoad-Poti.

In der Linearität erkennt man bei 50% einen deutlichen Sprung. Hier wird PT eingeschaltet und wirkt als zusätzliche Belastung des Tonabnehmers. Die Linearität ist zumindest im Wirkungsbereich der Tonblende nicht so optimal.

Der Widerstand RD hat die Aufgabe dafür zu sorgen, daß beim einem Drehwinkel von 50% der schon weiter oben erwähnte Übergang zum reinen Tiefpaßverhalten erfolgt. Betrachtet man den roten Amplitudengang (50%), so ist festzustellen, daß diese Anforderung recht gut getroffen wurde.

Auch wenn hier kein grundsätzlich neues Verhalten vorliegt, hat Fender seinerzeit für das TBX-Control recht heftig Werbung gemacht. In den Prospekten stand zu lesen, daß ausgehend von der Mittelstellung des TBX die Höhen oder die Bässe betont werden können. Die Abkürzung TBX steht daher für Treble Bass Expander.

Fazit:

Auch das TBX-Control bietet nichts wirklich Neues. Die mögliche klangliche Variation ist absolut mit der normalen Tonblende zu vergleichen. Lediglich durch das Abschalten von PT ergibt sich bei 100% Drehwinkel eine etwas größere Resonanzspitze, die als ein leichtes Plus an Höhen wahrgenommen wird.

Das eine mit dieser Schaltung ausgerüstete Strat in der Mittelstellung des TBX angeblich wie eine normale Strat klingen soll, ist schlicht und ergreifend falsch, wie man durch den Vergleich des roten Amplitudenganges mit dem blauen Amplitudengang der Standardschaltung leicht feststellen kann.

4. Muß es unbeding NoLoad oder TBX sein?

Diese interessante Frage stellt man sich spätestens, wenn man sich den Preis für ein TBX-Poti ansieht. Auch die Sprunghaftigkeit von NoLoad und TBX-Control mag dem einen oder anderen nicht so recht gefallen. Gibt es Alternativen?

Nehmen wir also zunächst das NoLoad-Poti aufs Korn:

Wir gehen einfach einmal davon aus, daß die Kennwerte von Volume- und Tone-Poti auf 500kOhm erhöht werden. Dann erhalten wir eine Anfangsresonanz von 3.693kHz / 8.66dB und können "Hurra!" schreien, denn das sind genau die gleichen Werte wie beim NoLoad-Poti!

Sehen wir uns nun den Endwert der Resonanz bei Tone=0 an: Er liegt bei 648Hz / 4.64 dB und weicht damit nur minimal von den Werten des NoLoad-Potis ab. Also noch einmal: "Hurra!"

Jetzt bleibt nur noch offen, wie es sich mit der Linearität verhält?

Glücklicherweise läßt sich hier ein absolut vergleichbares Verhalten feststellen. Lediglich der Beginn der Tiefpaßwirkung hat es etwas verschoben. Er liegt jetzt bei 60% statt 64%. Das wird sich im praktischen Betrieb aber kaum störend bemerkbar machen.

Natürlich besteht auch die Möglichkeit, das Tone-Poti in seinem Wert zu belassen und stattdessen das Volume auf 1MOhm zu erhöhen. Diese Variante ist jedoch ein wenig schlecht, da die Resonanz nur 7.5dB erreicht (naja) und die Linearität am Ende des Tone (0-25%) sehr schlecht ist. In dieser Variante arbeitet die Tonblende nur zwischen 15% und 100% kontinuierlich. Für die umgekehrte Kombination (Tone=1MOhm, Volume=250kOhm) gelten insgesamt ähnliche Verhältnisse.

Sehen wir uns nun einen Ersatz für das TBX-Control an:

Man nehme Tone=500kOhm und einen zusätzlichen Widerstand RT=2kOhm (ah, jetzt kommt der große Unbekannte aus den Schaltbildern endlich ins Spiel!) und erhält dann mit Tone=100% eine Resonanz von 3.630kHz / 6.56dB, was nur knapp 1 dB weniger ist, als beim TBX-Control. In der Endstellung erhält man 593Hz / 2.48dB. Die Linearität ist über alles gesehen besser als beim TBX-Control.

Der Widerstand RT ist her sozusagen eine Bremse, welcher die Ausprägung der Resonanz am Ende verringert. Nimmt man hier sogar 20kOhm, so reicht der Einstellbereich nur noch bis zur ehemaligen 50%-Kurve. Jetzt arbeitet die Schaltung tatsächlich als reine Dämpfung der Resonanzspitze. Der "Berg" wird also nur kleiner gemacht und verschiebt sich nicht mehr.

Kombiniert man diese Variante der Tonblende mit einem Drehschalter und mehreren Lastkondensatoren, so erhält man eine sehr flexible Klangeinstellung, gegen die TBX und Co. richtig blaß aussehen! ;)

Wie so etwas für eine Strat aussehen kann, ist in Guitar-Letter II nachzulesen.

Schlußwort

DeltaTone, NoLoad und TBX-Control sind schöne Schlagworte aus der Marketingabteilung, die nur dazu dienen sollen, ein schon bekanntes Verhalten unter einem neuen Namen teuer zu verkaufen! Etwas wirklich Neues hat Fender der Welt mit diesen Produkten leider nicht geschenkt, denn alle Schaltungen machen genau dasselbe!

Wer also eine etwas kräftigere Spitze haben möchte, der ersetze beide Potis durch 500kOhm. Ob man die einrastende aber klanglich flache Mittelstellung des TBX-Control wirklich benötigt, ist kaum anzunehmen.

Da dieser Bereich grundsätzlich auch von der normalen Tonblende durchlaufen wird, ist diese klassische Schaltung nach wie vor ausreichend.

Ulf
 
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Verschoben: 10.02.2007 Uhr von doc guitarworld
Von Gitarre nach Gitarrenbau & Tuning
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RE: Die Klangeinstellung in der Elektrogitarre

Ich habe ein von Tom Wheeler geführtes Interview vom 06.04.2004 gefunden, in dem auch das TBX-Control erwähnt wird:

Dan Smith (Fender) schrieb:
“’TBX’ stood for ‘Treble Bass Xpander,’ one of those marketing names. It was a stacked control — two pots with one knob on top. One was a standard 250k pot; Leo had picked the 250’s in the first place because they sound nice. Underneath that was a pot with a circuit on it. At the midpoint — the 5 setting — it was equivalent to a normal control set all the way up, on 10. When you rolled the TBX back toward zero it worked just like a regular tone control except with a short range. When you went back up to 10, it was the equivalent of removing the control altogether from the circuit, and it let a lot more high end through.”

Die Aussage "At the midpoint — the 5 setting — it was equivalent to a normal control set all the way up, on 10." steht im krassen Gegensatz zu den Ergebnissen der Simulation! Sie wäre grundsätzlich richtig, wenn der Widerstand RD nicht vorhanden, also unendlich groß wäre. In diesem Fall ist die reine Dämpfung von 100% bis 50% jedoch nicht vorhanden. Selbst wenn man den Widerstand nur auf 500kOhm vergrößert, ist die Dämpfung so gering, daß ein signifikanter Effekt wohl kaum wahrzunehmen ist. Die Wirksamkeit des TBX-Control würde sich dann auf den Bereich von 0% bis 50% beschränken, was wohl kein Gitarrist wirklich als Vorteil empfinden würde.

Es stellt sich jetzt die Frage, wie diese Diskrepanz zu erklären ist? Zwei Möglichkeiten kann man sich vorstellen:

  1. Die im Internet verfügbare Schaltung ist generell falsch. Dann ist natürlich auch meine darauf basierende Simulation falsch!
  2. Die Entwickler bei Fender habe nicht gerechnet, sondern lediglich ausprobiert. Bei der Komplexität der gesamten Schaltung kann man sich da bezüglich der Wirkungsweise leicht irren.

In diesem Zusammenhang ist eine weitere Aussage aus dem Forum Telecaster.com von Bedeutung:

Kevin schrieb:
The 1Meg portion of the pot simply lets more highs through. Unfortunately -- to my ears, at least -- the TBX is pretty muddy from 1 to 5 and doesn't really sound like a full 250K pot.

Und genau das, zeigt auch die Simulation.

Die durch die Aussagen von Fender erzeugten Erwartungshaltung, in der Position "5" den normalen Sound einer Strat zu haben, konnte vom TBX-Control einfach nicht erfüllt werden. Entsprechende Berichte von Besitzern solcher Instrumente sind in mehrfacher Ausfertigung im Internet zu finden.

Fender muß das Problem wohl auch erkannt haben, denn im Laufe des Jahres 1997 wurde das teure TBX-Control durch das wesentlich billigere "Delta Tone System" ersetzt.

Aus technischer Sicht muß man also ganz klar sagen, daß man das TBX-Control am besten da läßt, wo es jetzt ist: Im Mülleimer der Geschichte der Gitarrenelektronik!

Bedenklich finde ich allerdings, daß ein Hersteller hier eine "Bastellösung" seinen Kunden präsentierte und auch noch nachweislich falsche Aussagen zur Funktion machte. Stellt man sich einmal vor, daß so eine Vorgehensweise bei weiteren Produkten und Herstellern ebenfalls zu Anwendung kam, so muß man zumindest die Stirn runzeln!

Jetzt gibt es sicherlich den einen oder anderen Besitzer eine Gitarre mit TBX-Control, der ziemlich verunsichert ist. "Muß ich das Ding jetzt austauschen?", könnte da die Frage lauten.

Dazu meine Antwort: "Nein!" Wie ich dargelegt habe, ist die Wirkungsweise von Tonblende, Delta-Tone und TBX-Control gleich. Es besteht also kein unmittelbarer Grund etwas auszutauschen. Wer seinerzeit jedoch ein TBX-Control erworben hat, der hat für die gleiche Funktion eben ein wenig mehr bezahlt.

Wer heute jedoch mit dem Gedanken spielt, sich ein solches Poti zu kaufen, der sollte davon Abstand nehmen, denn es gibt deutlich billigere Lösungen.

Ulf
 
Geist ist geil!!
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Die Funktion des Greasebucket™ Tone Circuit"

Die Funktion des Greasebucket™ Tone Circuit"

Vor kurzem hat Fender der Gitarristengemeinde eine neue Klangeinstellung geschenkt. Was es damit auf sich hat, möchte ich im folgenden beleuchten:

Greasebucket - Der "Fetteimer"

Im Jahre 2005 führte Fender eine neue Tonblende in einigen Gitarren ein, das sogenannte "Greasebucket™ Tone Circuit". Es wurde zunächst in den Modellen der "Highway One"-Serie und einigen Custom Shop Modellen der Stratocaster eingesetzt. Hier wurde die herkömmliche Tonblende, die aus einem Potentiometer und einem Folienkondensator besteht, durch einen Metallfilmwiderstand RT und zwei keramische Scheibenkondensatoren CT1 und CT2 ersetzt. Fender schrieb bezüglich der Wirkungsweise:
The effect is that when rolled down, the tone pot reduces the high frequencies, but does not add bass.

Nach den bisher gemachten Erfahrungen mit dem "TBX-Control" ist man da natürlich ein wenig vorsichtig. Schauen wir mal, was von dieser Aussage am Ende übrig bleiben wird. Hier die Werte für die gesamte Schaltung:

Ls=2.2H, Cs=110pF, Rs=5.7kW, PT=250kW, CT1=22nF, CT2=100nF, RT=4,7kW, PV=250kW, CK=700pF, Rin=1MW, Cin=0pF

Sehen wir uns nun einmal die Schaltung selber an:


Bild 11: Guitar circuit with Greasebucket™ Tone Circuit

Hier kommt jetzt erstmalig auch der (bisher) mysteriöse Widerstand RT ins Spiel. Der obere Teil des Ton-Poti wird durch den Kondensator CT2 überbrückt. Bei 100% Tone ist er wirkungslos. Bei 0% Tone bleibt der Widerstand RT in Reihe zum Kondensator CT1. Die entstehende Resonanz wird also etwas gedämpft. Insgesamt sollten sich dann also vergleichbare Verhältnisse wie bei der "normalen" Tonblende ergeben. Sehen wir uns dazu wieder die Simulationen an:


Bild 12: "Greasebucket™ Tone Circuit" Amplitude-frequency characteristic

Der blaue "Berg", der bei 100% Tone entsteht, liegt jetzt bei 3.545kHz / 4,96dB ziemlich genau im Bereich der Standard-Tonblende. Unsere Vermutung war also grundsätzlich richtig!

Bei einem Drehwinkel von 0% ist CT1 quasi in Reihe mit CT2 geschaltet. Jetzt ist das Poti, welches nun parallel zu CT2 liegt, hochohmig und kann für eine überschlägige Betrachtung als Unterbrechung betrachtet werden. Damit hat die resultierende Kapazität einen Wert von 18nF. Man kann dann eine Resonanz erwarten, die in etwa bei 725 Hz liegt.

Tatsächlich ist die entstehende Resonanz mit 603Hz / 1,57dB ziemlich schwach ausgeprägt, was eindeutig auf die dämpfende Wirkung von RT zurückzuführen ist. Im Vergleich zur Standard-Tonblende ist also lediglich die Dämpfung um gut 3 dB stärker.


Bild 13: "Greasebucket™ Tone Circuit" Linearity vs "Tone" angle

Die Linearität des "Greasebucket™ Tone Circuit" kann sehr gut mit den Eigenschaften der Standard-Tonblende verglichen werden. Die der Anfangsresonanz (blau) ist sogar noch etwas besser, was eindeutig dem "Wirken" von RT zuzuschreiben ist. Dieser verringert auch die Linearität der tatsächlichen Resonanz (rot). Sie ist etwas besser und im unteren Bereich ist die Steigung deutlich geringer.

Fazit:

Im Vergleich zum "TBX-Control" stimmen die Fenders Aussagen zur Wirkung beim "Greasebucket™ Tone Circuit" einigermaßen. Wenn man die "Arbeitsresonanz" als "Höhen" bezeichnen möchte, dann senkt das "Greasebucket" diese tatsächlich ab, wie alle anderen Tonblenden übrigens auch. Den Frequenzbereich um 650Hz als "Bässe" zu bezeichnen, mag manch einem etwas gewagt erscheinen, aber wenn man es bei Fender so sieht, dann nimmt das "Greasebucket" hier keine große Anhebung vor, wenn die Tonblende "zu" ist. Damit erfüllt die Schaltung also das, was in der Beschreibung zu lesen ist.

Wer erwartet hat, daß Fender mit dem "Greasebucket™ Tone Circuit" etwas neues gebracht hat, der wird allerdings wieder entäuscht, denn am grundsätzlichen Verhalten einer Tonblende ändert auch dieser Variante, trotz des schönen Namens, nichts! Was der Name "Fetteimer" mit einer Tonblende zu tun haben soll, wird vermutlich auf immer Fenders Geheimnis bleiben!

Jetzt noch einmal eine kleine Aktualisierung:

Muß es unbedingt TBX, Delta Tone oder Greasebucket sein?

Diese interessante Frage stellt man sich spätestens, wenn man sich den Preis für ein TBX-Poti ansieht. Auch die Sprunghaftigkeit von NoLoad und "TBX-Control" mag dem einen oder anderen nicht so recht gefallen. Gibt es Alternativen? Die Antwort lautet eindeutig: "Ja!" Und ein altes Sprichwort sagt: "Warum in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah?"

Getreu diesem Motto nehmen wir einfach die "normale" Tonblende und "spielen" ein wenig mit den Werten der einzelnen Bauelemente.


Bild 14: Standard Tone (Standard Wiring)

Folgende Werte wurden in den Simulationen nicht verändert:

Ls=2.2H, Cs=110pF, Rs=5.7kW, CK=700pF, Rin=1MW, Cin=0pF

Die Ergebnisse wurden in der folgenden Tabelle zusammengefaßt. Man findet in Klammern die Werte der betreffenden Variante, die es nachzubilden gilt.


Tabelle 2: Die "klassische" Tonblende im neuen Gewand

Man erkennt, daß sich das gewünschte Verhalten der einzelnen Variation auch immer mit der "klassischen" Variante erreichen läßt. Aus dieser Tatsache läßt sich jedoch nicht der Schluß ableiten, daß die anderen Varianten grundsätzlich schlecht wären! Ob eine Tonblende gut oder schlecht arbeitet, muß vielmehr immer im Kontext mit dem Instrument, seiner elektronischen Schaltung und den verwendeten Tonabnehmern betrachtet werden. Es kommt also immer darauf an, was man erreichen möchte.

Ist es das Ziel ein Instrument zu schaffen, welches sehr gut im verzerrten Betrieb arbeitet, dann ist eine zu große Resonanzspitze meistens kontraproduktiv. Aus diesem Grund wird man dann eher zu einem hochohmigeren Tonabnehmer mit größerer Induktivität greifen. Vergleichbares läßt sich auch durch einen parallelen Lastkondensator erreichen. Informationen dazu sind in Guitar-Letter II zu finden.

Im verzerrten Betrieb sind zu starke Tiefmitten (200 - 700Hz) auch nicht brauchbar, denn sie führen häufig zum sogenannten "Matschen" Möchte man dann der Tonblende einen sinnvollen Einstellbereich geben, ist es unter Umständen sinnvoll die Resonanzspitze bei 0% Tone zu dämpfen, wie es zum Beispiel beim "Greasebucket™ Tone Circuit" durch den Widerstand gemacht wurde.

Schlußwort

"TBX-Control", "DeltaTone" und "Greasebucket™ Tone Circuit" sind allesamt schöne Schlagworte aus der Marketingabteilung, die nur dazu dienen sollen, ein schon bekanntes Verhalten unter einem neuen Namen teuer zu verkaufen! Etwas wirklich Neues hat der betreffende Hersteller der Welt mit diesen Produkten leider nicht geschenkt, denn alle Schaltungen machen genau dasselbe!

Wenn man sich die Ergebnisse aus Tabelle 2 einmal genauer ansieht, so muß man sich wirklich fragen, warum Fender mit diesen drei (anscheinend sinnlosen) Varianten auf den Markt gekommen ist? Wenn es nur darum ging, den Umsatz durch die Erfindung ein paar neuer Begrifflichkeiten anzukurbeln, so ist das in gewisser Weise normal. Ein vergleichbares Verhalten findet man durchaus auch bei anderen Herstellern. Daß dabei die Tatsachen manchmal ein wenig auf der Strecke bleibe, gehört (leider) häufig zum guten Ton.

Interessanterweise steht bei Fender hinter jedem neuen Begriff tatsächlich eine technische Veränderung, die in ihrer Wirkung freilich nichts neues darstellte. Unterstellt man, daß hinter jeder technischen Änderung tatsächlich die Motivation stand, Dinge zu verbessern (vergrößerte Spitze bei 100% Tone, verringert Spitze bei 0% Tone), so muß man sich jetzt fragen, warum man das nicht einfach mit der "klassischen" Schaltung gemacht hat?

Ich persönlich würde behaupten, daß man an dem Beispiel der verschiedenen Tonblenden von Fender ganz deutlich den Unterschied zwischen "Bastelei" und gezielter Entwicklung sehen kann, denn wenn man die Schaltung einmal berechnet hätte, wie ich es getan habe, so müßte man zwingend auch zu dem gleichen Schluß gekommen sein. Und der lautet:

Die klassische Schaltung der Tonblende nach Bild 14 ist nach wie vor vollkommen ausreichend, bietet eine ausreichende Flexibilität und stellt auch die mit Abstand kostengünstigste Lösung dar!

Der vollständige Artikel ist in seiner aktualisierten Version in der Knowledge-Base der Guitar-Letter zu finden.


Ulf
 
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Verschoben: 01.06.2010 Uhr von Banger
Von Archiv nach Gitarrenbau & Tuning
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Die Wahl des "richtigen" Tonkondensators

Über den "Klang" verschiedener Kondensatoren kann man die tollsten Sachen lesen und bei YouTube auch "hören". Der Onkel ist da mal etwas analytisch an die Sache rangegangen:

Dieser Beitrag ist Bestandteil des Artikels "Die Klangeinstellung in der Elektrogitarre". Einige Tabellen wurden als Grafiken über einen externen Hoster eingebunden. Sollten sie nicht mehr verfügbar sein, hilft nur ein direkter Besuch bei den Guitar-Letters.

8. Die Wahl des "richtigen" Tonkondensators

Die Auswahl eines geeigenten Kondensators für die Tonblende scheint ähnlichen Mysterien zu unterliegen, wie die Frage nach dem Tonabnehmer mit dem "richtigen" Sound. "Bumble Bee", "Tropical Fish" und "Orange Drop" sind nur einige Begriffe, die in diesem Zusammenhang immer wieder fallen. In den dazugehörenden Diskussionen werden den verschiedenen Kondensatortypen durchaus unterschiedliche klangliche Eigenschaften zugeordnet. Interessanterweise kommen die - elektrotechnisch meist ungebildeten - Diskutanten häufig zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Zieht man dann noch in Betracht, daß die elementarsten Eigenschaften eines Kondensators, nämlich seine Kapazität und deren Toleranz, in der Regel in den Diskussionen keine Rolle spielen, so muß man aus technischer Sicht zu dem Schluß kommen, daß die entsprechenden Ergebnisse durch die Bank weg haltlos sind. Das häufig gebrachte Argument "Aber ich höre es doch!" ändert an diesem Sachstand wenig, bietet den betreffenden Zeitgenossen aber immerhin die Möglichkeit, sich auf eine quasi uneinehmbare Position zurückzuziehen!

Wenn wir über den Einsatz von Kondensatoren reden, dann muß man zunächst zwei Dinge unterscheiden:

  1. Kondensatoren gleicher Kapazität aber unterschiedlicher Technologie und

  2. Kondensatoren aus der gleichen Technologie mit unterschiedlichem Kapazitäten.

Wie auch immer man es beginnt, eine Mischung dieser beiden Punkte sollte man unbedingt vermeiden!

Im Laufe der Entwicklung sind eine ganze Reihe verschiedener Kondensatortypen entstanden, die sich im Wesentlichen durch das verwendete Dielektrikum unterscheiden. Um es gleich vorweg zu sagen: Den idealen Kondensator gibt es leider immer noch nicht! Je nach Wahl und Anwendungsfall muß man mit mehr oder weniger starken parasitären Effekten rechnen. Zu diesem Thema gibt es reichlich Literatur. Ich möchte auf diese Problematik hier also nicht weiter eingehen.

Folgt man der reinen Lehre, wie sie für die Verarbeitung von Audio-Signalen und mehr noch in der Meßtechnik gilt, dann sind Kondensatoren mit elektrolytischem oder keramischem Dielektrikum geradezu verboten. Insbesondere keramische Kondensatoren weisen eine ganze Reihe von nichtlinearen Effekten auf, die sich durchaus klangbeeinflussend bemerkbar machen können. Ähnliches gilt für die sogenannten Elkos, die nur geoplt betrieben werden dürfen. Aus diesem Grund werden in den Signalwegen hochwertiger Audioschaltungen nur gute Folienkondensatoren verwendet. Aber auch hier gibt es solche und solche. Ein wichtiges Kritierium ist hier die sogenannte "Dielektrische Absorption". Helmuth Lemme schreibt dazu auf seiner Webseite im Artikel "Kondensatoren als Störenfriede":

Die Dielektrische Absorption verhindert bei Beaufschlagung mit Wechselspannung eine vollständige Volladung und Entladung. Wenn sich das Signal umpolt, dann erzeugt sie einen verzögerten Strom mit der vorhergehenden Polarität; es ergibt sich ein Hystereseeffekt, der mit zunehmender Frequenz stärker wird. Die klangliche Wirkung bei einem HiFi-Verstärker ist ein Verlust an Detailtreue; die Wiedergabe wirkt unpräzise, komprimiert, der Dynamikbereich verringert sich, der Rauschuntergrund steigt an.


Kondensatoren mit einem Dielektrikum aus Polypropylen weisen diesbezüglich die besten Werte auf. Sie liegen, laut Wikipedia, zwischen 0,01 bis 0,05%. Der deutsche Hersteller Wima gibt hier einen Bereich von 0,05 bis 0,10% an. Zum Vergleich: Aluminium-Elkos weisen Werte bis zu 15% auf!

8.1 Was "hört" man denn (nicht)?

Bevor man daran geht, mit einer Kiste Kondensatoren in der Hand, ein Hörexperiment zu machen, sollte man die Frage stellen, ob es denn überhaupt etwas zu hören gibt? Zu diesem Zweck schaltet man am besten das Gehör aus und den Rechner an. Mit ihm kann man nämlich auch ganz gute Experimente machen!

Zunächst geht es darum, die Wirkung verschiedener Kapazitäten in der Tonblende im Hinblick auf die Resonanzfrequenz und ihre Ausprägung zu beurteilen. Zu diesem Zweck wurde von den schon bekannten Werten ausgegangen:

Ls=2.2H, Cs=110pF, Rs=5.7kOhm, PT=250kOhm, RT=0Ohm, PV=250kOhm, CK=700pF, Rin=1MOhm, Cin=0pF

Für den Kondensator CT wurden jetzt 15 verschiedene Werte eingesetzt und anschließend die Resonanzfrequenz und die Spitze errechnet. Dabei wurde die Tonblende einmal ganz auf (100%) und dann ganz zu (0%) gemacht.


Tabelle 3: Tonblende mit verschiedenen Kapazitäten

Diskutieren wir zunächst das Ergebnis bei 100% Tonblende. Dazu sehen wir uns die Ergebnisse auch in graphischer Form an:


Bild 19: Resonanzen der "offenen" Tonblende bei verschiedenen Kapazitäten

Generell kann man sagen, daß die Resonanzfrequenz proportional mit der Kapazität ansteigt und die Resonanzspitze dafür kleiner wird. So bemerkenswert ist das jedoch nicht, denn für die Resonanzfrequenzen lassen sich ein Mittelwert von 3,529kHz und eine Streuung von nur 20Hz bestimmen. Man kann also durchaus sagen, daß sich hier eigentlich nichts verändert. Die relative Änderung beträgt maximal 0,6%. Auch bei der Spitze der Resonanz liegt eine äußerst geringe Streuung von 0,05dB vor. Jetzt stellt sich die Frage, ob man diese geringen Unterschiede überhaupt hören kann?

Zur Beantwortung dieser Frage nutzen wir die logarithmische Maßeinheit "Cent" für musikalische Intervalle. In Wikipedia war dazu am 11.03.2010 folgendes zu lesen:

... daß der kleinste erkennbare Frequenzunterschied für Sinustöne beim Menschen bei Frequenzen ab 1000 Hz bei etwa drei bis sechs Cent liegt. Geringere Intervallunterschiede werden beim Nacheinander-Erklingen der Töne nicht mehr erkannt.
Bei tiefen Sinustönen mit geringer Lautstärke steigt hingegen die Unterscheidungsschwelle auf über 100 Cent, also einem Halbton.


Wendet man diese Schwelle auf unsere Ergebnisse an, so ist festzustellen, daß 10 von 14 Unterschiede nicht mehr wahrzunehmen sind!

Aber auch hier ist Vorsicht angebracht, denn diese Wahrnehmungsschwelle basiert darauf, daß zwei Frequenzen in einem bestimmten Verhältnis real als Schallereignis existieren. Bei der Tonblende geht es jedoch um eine Filterwirkung, mit der ein Schallereignis bewertet wird. Beinhaltet das Signal im fraglichen Frequenzbereich keine spektralen Anteile, so wird man die Betonung selbstverständlich nicht wahrnehmen, denn wo nichts ist...

Zu ähnlichen Schlüssen gelangt man, wenn man sich die Änderung der Resonanzspitze ansieht: Von 1nF nach 1,5nF beträgt sie 0,97%. Aber schon ab 5,6nF sind wir mit 0,05% bei deutlich geringeren Verhältnissen.

Aus den vorliegenden Ergebnissen kann man dann nur zu einem Schluß kommen:

Mit einer "offenen" Tonblende (100%) lassen sich die klanglichen Auswirkungen unterschiedlicher Kapazitäten für den Tonkondensator nicht mehr wahrnehmen!

Kommen wir nun zum Fall der "geschlossenen" Tonblende. Hier sind nun deutliche Unterschiede festzustellen, wie das folgende Bild zeigt!


Bild 20: Resonanzen der "geschlossenen" Tonblende bei verschiedenen Kapazitäten

Die Erklärung dieses Verhaltens wurde bereits in Kapitel 1 des Artikels gegeben. Hier bleibt also nur folgendes festzustellen:

Mit einer "geschlossenen" Tonblende (0%) üben unterschiedlicher Kapazitäten für den Tonkondensator starken Einfluß auf den Klang aus!

Damit ist nachgewiesen, daß man den Einfluß des Tonkondensators nicht bei "offener", sondern im bestem Fall bei "geschlossener" Tonblende beurteilen kann.

Kommen wir nun zu "dem" Klassiker schlechthin: Man kauft sich verschiedene Kondensatoren mit gleicher Nennkapazität und vergleicht ihren klanglichen Einfluß miteinander.

Wie schon im vorhergehenden Experiment vernachlässigen wir wieder irgendwelche nichtlinearen Effekte, die auf Konstruktion oder Materialauswahl der verschiedenen Kondensatoren beruhen. "Unsere" Kondensatoren unterscheiden sich lediglich durch ihre Kapazität, denn die tatsächliche Kapazität eines Kondensators kann um bis zu 20% von seinem Nennwert abweichen! Wir gehen von einer Nennkapazität von 22nF aus und berechnen wieder Resonanzfrequenz, Güte und die Abweichung für die beiden Fälle Tone=100% und Tone=0%:


Tabelle 4: Tonblende mit "gleichen" Kapazitäten

Wie zu erwarten war, sind Unterschiede wieder nur bei "geschlossener" Tonblende wahrzunehmen! Aufgrund der deutlich geringeren Variation der Kapazität sind die Unterschiede generell sogar deutlich geringer als in Tabelle 3. Betrachten wir die beiden Extremfälle 17,6nF und 26,4nF, dann wird man diesen Unterschied sicherlich als Nuance wahrnehmen!

Wer also Kondensatoren gleicher Nennkapazität von verschiedenen Herstellern und mit unterschiedlichen Dielektrika miteinander vergleicht, der wird in aller Regel denn Effekt der Streuungen wahrnehmen. Ich habe in solchen Diskussionen noch nie gelesen, daß die betreffenden "Fachleute" tatsächlich die Kapazitäten bestimmt und zum Vergleich nur Bauelemente mit der gleichen Kapazität verwendet haben! Macht man das nicht, so ist ein solcher Vergleich einfach nur unseriös und führt prompt zu falschen Schlußfolgerungen! So ein Vorgehen wird nur noch von einem Vergleich unterschiedlicher Dielektrika mit verschiedenen Nennkapazitäten übertroffen. Die Sache mit den Äpfeln und Birnen ist dagegen harmlos! Wer die entsprechenden Höreindrücke dann mit den unterschiedlichen Dielektrika in Verbindung bringt, legt damit nur eindeutig seine fachliche Unwissenheit dar!

8.2 Nichtlineare Effekte

Zunächst ja, es gibt nichtlineare Effekte bei Kondensatoren. Je nach Bauformn und Dielektrikum sogar unterschiedliche. Sie verursachen letztendlich nichts anderes als Klirrfaktor. Ob wir das Ergebniss dann als wohlklingend oder als Geräusch empfinden, hängt immer vom Einzelfall ab. Klirrfaktor selber ist für den Gitarristen ja nichts Schlechtes, sonst würden sich Overdrive, Fuzz & Co. ja nicht seit Jahrzehnten so großer Beliebtheit erfreuen. Die Frage ist nur, ob sich der nichtlineare Effekt eines Kondensators in der Tonblende überhaupt hörbar auswirken kann?

Eine Möglichkeit, einen nichtlinearen Effekt beim Kondensator zu modellieren besteht darin, einen spannungsabhängigen Widerstand parallel zu einem idealen Kondensator zu schalten. Man erzeugt dadurch quasi einen Kondensator mit einem spannungsabhängigen Leckstrom. Jetzt schauen wir mal, unter welchen Bedingungen so ein Verhalten negativ auffällt:

Bei einer Frequenz von 1kHz und einer Kapazität von 22nF beträgt der Blindwiderstand des Kondensators 7,2kOhm. Wir nehmen eine Veränderung von 1% an. Dann wäre der Widerstand der Parallelschaltung aus idealem Kondensator und spannungsabhängigem Widerstand 7,16kOhm. Das führt dann zu einem Widerstand von 716kOhm. Lassen wir 2% zu, dann kann der gesamte Widerstand um +/- 1% schwanken. Der spannungsabhängige Widerstand würde dann zwischen 350kOhm und 716kOhm schwanken. Der Mittelwert wäre dann 535kOhm. Bei einer Frequenz von 10kHz sinkt dieser Wert sogar auf 53kOhm! Ein solcher Kondensator wäre, aufgrund dieser Verluste, schlicht und ergreifend unbrauchbar! Gängige Kondensatoren haben hier Werte im Bereich von mehreren Megaohm. Ein solcher spannungsabhängiger Widerstand wird sich also nicht "störend" bemerkbar machen. Erst recht nicht, da der Kennwiderstand des Potis mit 250kOhm oder gar 500kOhm schon um den Faktor 30 bis 60 größer ist, als der Blindwiderstand des Kondensators.

Einige keramische Kondensatoren zeigen einen spannungsabhängigen, nichtlinearen Verlauf der Kapazität. Ursache ist eine spannungsabhängige Dielektrizitätszahl. In der Folge kann die Kapazität bei Nennspannung gegenüber einer Prüfspannung von 1V um bis zu 90% absinken! Unterstellt man exponentielle Verhältnisse, dann kann die Kapazität im Bereich bis zu 2,5V durchaus um bis zu 10% absinken. So hohe Spannungen liegen am Tonkondensator aber nie an, denn er bildet ja mit dem Poti einen Spannungsteiler. Bei 1kHz und 250kOhm beträgt der Teilungsfaktor dann 0,028. Von maximal 2,5V bleiben dann nur noch 70mV übrig. Dazu gehört dann eine Kapazitätsabweichung von rund 0,26%. Ob man diesen Effekt wirklich wahrnimmt ist fraglich, insbesondere da die mittlere Signalspannung einer Elektrogitarre deutlich geringer ist als 2,5V.

Anders sieht es aus, wenn die Tonblende "zu" ist. Dann können die 10% Abweichung durchaus hörbar werden, wie schon in Tabelle 4 dargelegt wurde. Da die Signalspannung im Mittel aber deutlich kleiner ist, kann man eher mit einer prozentualen Abweichung von 1% rechnen. Wenn dieser Effekt also wahrzunehmen ist, dann höchstens als Nuance bei sehr dynamischem Spiel!

Trotz ihrer schlechten Eigenschaften findet man keramische Kondensatoren auch in hochwertigen Audioschaltungen als Ablockkondensatoren. Aus Wechselspannungssicht liegen sie dann parallel zur Signalquelle. Da die Quellen aber in der Regel recht starke Spannungsquellen mit kleinem Innenwiderstand sind, wird die eingeprägte Spannung durch den Kondensator nicht nennenswert verfälscht. Das schändliche Treiben dieser Kondensatoren fällt also nicht auf! Problematisch wird es nur, wenn Kondensatoren mit starken nichtlinearen Eigenschaften im direkten Signalweg (in Spannungsteilern und Filtern) eingesetzt werden. Hier können sie sich im wahrsten Sinne hörbar bemerkbar machen und sind aus diesem Grunde dort verpönt!

8.3 Schlußfolgerungen

Unterschiede bei verschiedenen Kondensatoren in der Tonblende? Ja, man kann Unterschiede wahrnehmen! Aber wie gezeigt wurde, sind hier weniger die nichtlinearen Eigenschaften der unterschiedlichen Bauformen die Ursache, sondern die streuende Kapazität.

Der häufig zu findende Aussage, daß nur der Kondensator von diesem oder jenen Hersteller den originalen XY-Sound garantiert, sollte man daher sehr vorsichtig begegnen. Insbesondere, wenn es sich um einen Händler handelt, der sich das gute Stück teuer bezahlen läßt. Vernünftige Folienkondensatoren sind Cent-Artikel. In Ausnahmefällen kann der Preis schon mal in den Bereich eines Euros klettern, aber dann sollte wirklich Schluß sein! Alles andere ist pure Abzocke!

Ulf
 
Geist ist geil!!
Verfasst am:

RE: Die Klangeinstellung in der Elektrogitarre

Vernünftige Folienkondensatoren sind Cent-Artikel. In Ausnahmefällen kann der Preis schon mal in den Bereich eines Euros klettern, aber dann sollte wirklich Schluß sein! Alles andere ist pure Abzocke!


Hallo Wulf,
ja, genau, recht hatter ...toll gemacht, wie immer

Zwei Anmerkungen von meiner Seite: so wie ich sind viele Gitarristen, die aktiv mit den Tone-Potis arbeiten gerade auf der Bühne immer wieder genervt, wenn beim schnellen Herunterdrehen am Anschlag (=%) der Ton dann nur noch Mulm ist.
Kann an der Strat in der Zwischenstellung MID-BRIDGE mit beiden Tone-Potis zu ja durchaus gut den "Money for nothing" Knopfler-Sound simulieren.
In allen anderen Fällen hilft ein Reihenwiderstand von 12-27K (je nach eigenem Bedürfnis) zwischen Tone-Poti Ausgang und Masse.

Und da du ja schon die WIMA Kondensatoren erwähnt hast: unschlagbar die Typen MKS4 oder, wer es teurer möchte: MKP10. Hat auch ein Herr Dommenget schon erkannt
 
mit freundlicher Empfehlung
Verne

http://www.blues-corporation.eu
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Wenns denn reicht ... Na dann.
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