Muss ich erst 50 werden für den ersten Kompressor?

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Muss ich erst 50 werden für den ersten Kompressor?

Ich will mich mal vorstellen. ich bin relativ neu hier im Forum, aber habe schon manche gute Anregung mitnehmen können.

Ich spiele Gitarre seit ich so ca. 10 Jahre alt bin. Nach dem obligatorischen Anfängerunterricht im örtlichen Musikhaus mit einem dauergenervten Künstler, der sein Brot mit Unterricht in der Provinz verdienen musste, hatte ich das Glück, dass der Klassenkamerad meiner großen Schwester und Sologitarrist der Schulband mir ein paar Stunden gab. Von ihm hab ich sehr viel gelernt, was damals absolut nicht Standard im Unterricht war: Powerchords, Pentatonik, Improvisieren über einfache Skalen. Didaktisch völlig richtig hat mit mir eher einfachere Sachen gespielt, und prompt wurde Status Quo meine erste Lieblingsband .

Dann kam die erste Schülerband und wechselnde Formationen, aber immer irgendwas mit Rock. Nach dem Abi hatte ich dann aus verschiedenen Gründen die Nase voll und hab meinen ganzen Stromgitarrenkram verkauft und mir ein sehr gute Konzertgitarre gekauft. Nochmal zwei Jahre Unterricht bei einem sehr guten Lehrer und so richtig Etüden geschrubbt und die Standardliteratur gespielt (Sor, Bach, Villa Lobos usw.). Der nächste Umschwung kam, als ich mich für Fingerpicking bzw. Fingerstyle interessierte. Ich habe damals die Lehrbücher von Siggi Schwab und die Noten von Qualey verschlungen und mit folgerichtig eine Ovation mit Piezo gekauft, damals absolut state-of-the-art. So habe ich bis vor ca. 4 Jahren praktisch nur akustisch gespielt, Solo-Fingerstyle, Lied- und Chorbegleitung in unserer Gemeinde usw.

Da hatte mich der Rappel gepackt und eine Stromgitarre musste wieder her. Aufgrund frühpubertärer Prägung musste es eine Strat sein! Anfangs wollte ich den Aufwand mit dem Equipment gering halten. Ich kaufte mir so ein Digitech-Modelling Teil und klemmte das vor den Roland AC-60, als quasi neutrale Verstärkung. Naja, so dolle klang das nicht. Also überlegte ich mir, mit Roland-Verstärkern für die A-Gitarre bist du seit Jahrzehnten zufrieden, kauf dir einen Cube für die E-gitarre. Das klang gleich anders und eigentlich auch gut. Und doch meinte ich, wenn ich sehr dynamisch spielte, dass da der Rechner sich verschluckt. Ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll, da waren in den ersten Sekundenbruchteilen bei einer hart gezupften Saite irgendwelche Effekte, die wohl aus dem Modelling kamen und mich störten. Nun hörte ich immer wieder: ein Röhrenverstärker kann das dynamische Spiel am besten abbilden. Also hab ich im Internet blind einen gebrauchten Hughes& Kettner Anniversary bestellt, angestöpselt, die ersten Töne gespielt und …..den Cube nie mehr angemacht sondern verkauft.

Seither hat mich die Suche nach meinen Sound durch verschiedene, meist kleinere Amps und eine Reihe Bodentreter geführt. Ich musste eben erstmal lernen, was „mein Sound“ ist und welche Gerätschaft mich dabei unterstützt. Es ist gut, wenn man dabei nicht bei Null anfangen muss sondern sich an Gitarristen und deren Sounds anlehnen kann. Meine Heros auf der E-Gitte sind dabei ganz klar C-G-K: Clapton, Gallagher, Gilmour, Knopfler. Naja, eine große Überraschung ist das nicht. Lauter alte Herren im meinem gesetzten Alter (obwohl: Freischlader ist auch Hammer, oder Blug oder…)

Unter ihnen ist für mich Mark Knopfler einfach jemand ganz Besonderes. Schon die ersten Alben haben mich als Jugendlicher umgehauen, noch besser finde ich, was er jetzt macht. Er hat seinen Platz in der Musik gefunden, kümmert sich nicht zu sehr um den kommerziellen Erfolg, vor allem hat ein tolles Gespür für eine Story, für die Musik und für einen guten Gitarrenton. Es gefällt aber nicht mehr jedem, kein „Walk of Life“-Stadionknaller. Mir gefällt es gut.

Jedenfalls weiß ich jetzt, das ist mein Ton, nein, einer meiner Töne: eine Strat und ein Blackface, mit den Fingern gespielt und gerade so, dass die lauten Töne leicht anrotzen.

Vor drei Wochen habe ich mein letztes Multieffekt verkauft und so kam es zu dem im Titel genannten Umstand. Ich konnte über all die Jahrzehnte nie etwas mit einem Kompressor anfangen. Als Kid war er mir nicht spektakulär genug, später dachte ich, wieso Kompressor, es dreht sich doch alles um Dynamik, oder? Wieso das komprimieren, was man vorher mit Mühe als guten Ton produziert.

Jedenfalls habe ich vor kurzem einen Okko Coca Comp interessehalber ausprobiert, ausgeliehen und am nächsten Tag gekauft. Seitdem kann ich ihn kaum noch ausmachen. Ich will an dieser Stelle kein Review schreiben sondern einfach meine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass ich so lange ohne ausgekommen bin. Er wirkt eher subtil, aber er bringt das richtige Maß an „Eindicken“ und Sustain mit, das ein cleanes Gitarrensolo plötzlich viel interessanter klingen lässt. Vor allem muss ich jetzt nicht mehr, um Sustain zu erreichen, zwingend einen Overdrive einschalten (kann ich aber).
Auch mit einer Akustischen macht er sich gut. Er nimmt dem Piezoanschlag die Härte und lässt die Obertöne glänzender klingen.

Ich hab nicht lange verglichen und getestet, dafür hab ich leider nicht mehr so die Zeit (der Job, die Familie…). Ich habe mich auf ein Gebräu von Internetrecherche, Empfehlung des Verkäufers und meine Ohren verlassen. Mag sein, dass da draußen ein noch besserer Komp ist, aber bis der mir über den Weg läuft, bin ich mit dem Okko hoch zufrieden.

Mit meinem Vorhaben, möglichst wenig Geld für das E-Gitarren Equipment auszugeben ist es eh schon lange vorbei. Jetzt denke ich mir, lieber zwei Effekte weniger auf dem Bord, dafür aber alles in guter Qualität bzw. mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis.

Sorry, ist ganz schön lang geworden, soweit meine Lebensgeschichte mit dem Kompressor als Aufhänger. Ich sehe den Kompressorkauf mit einem Schmunzeln als Ausdruck musikalischer Reifung.

The search goes on. Als nächstes will ich in 2013 den anderen Knopfler-Signature-Sound erkunden: Paula mit Bassman bzw. Richtung Plexi (Reinhardt kann ich mir nicht leisten, genauso wie Tone King ).

Freue mich auf die weitere Kommunikation an „Board“.
Beppo
Verfasst am:

RE: Muss ich erst 50 werden für den ersten Kompressor?

Reinhardt kann ich mir nicht leisten, genauso wie Tone King
Wart´s ab...
Verfasst am:

RE: Muss ich erst 50 werden für den ersten Kompressor?

Hallo Beppo,

willkommen im Club!

Ich spiele seit etwa 25 Jahren Gitarre. Hatte damals einen Compressor von Boss auf meinem Pedalboard, den ich gelegentlich für funky 70er-Sachen (Niles Rodger und so) einsetzte. Wirklich begeistert hat mich dieser Effekt nicht, so dass ich ihn irgendwann verbannt habe. Meine (zwischenzeitliche) Erfahrung ist aber auch, dass man sich mit jedem Effekt ausgiebig beschäftigen sollte, (1.) bevor man ihn kauft und (2.) bevor man ihn einsetzt. Ähnliche Erfahrungen habe ich mit dem Delay gemacht. Früher dachte ich da immer an U2, heute habe ich verstanden, dass man ihn viel subtiler einsetzen kann und dass das viele Gitarristen auch tun.

Noch ein kleiner Tipp: Suche den Amp auch danach aus, wo Du ihn einsetzen möchtest, zu Hause oder in einer Band. Es kann nämlich durchaus sinnvoll sein, den Ton mit dem Pedalboard zu erzeugen und so immer verfügbar zu haben, und einen möglichst cleanen Verstärker dahinter dann je nach Einsatzgebiet auszuwählen. Ansonsten hat die Bandbreite richtig gut klingender Röhrenverstärker in den vergangenen 15 Jahren unglaublich zugenommen. Ich habe längst den Überblick verloren. Als ich anfing, gab es fünf oder sechs bekannte Marken (Fender, Marshall, Mesa, etc.) und jeder hatte vielleicht ebenso viele Produkte im Angebot. Heute kannst Du das jeweils mit 10 multiplizieren und hast immer noch einige vergessen.

Viel Spaß und beste Grüße aus dem Süden!
ex.
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