Tipps für den Kauf eines Amp

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Tipps für den Kauf eines Amp

Wie der Kauf eines Instrumentes ist auch die Anschaffung eines Amps auch für erfahrene Musiker eine Herausforderung. Trotz aller Erfahrung kann man ganz schön ins Schwimmen kommen; denn: Das Angebot an Amps ist herrlich unübersichtlich, Neuerscheinungen gibt es alle naselang, was gestern noch galt, stimmt heute schon lange nicht mehr, fragt man Musiker persönlich oder in einem Forum nach ihrer Meinung, kann man sicher sein, von jedem eine andere Antwort zu bekommen, liest man fleißig Testberichte, wundert man sich über Abzüge in der B-Note und verlässt man sich auf die Werbeaussagen der Hersteller, ist man völlig verlassen.

Wie also soll man sich auf die richtige Art und Weise einen Amp aussuchen, der auf lange Zeit ein treuer Begleiter sein wird?
Ehrlich gesagt: Ich weiß das auch nicht. Ich kann Euch aber erzählen, wie ich beim Kauf eines neuen Amps vorgegangen bin:

Zunächst habe ich mich gefragt, was ich grundsätzlich brauche.

Anmerkung:
Z.B. lauteten meine Anforderungen an einen Amp:
1. der Sound soll zu mir und meiner Musik passen,
2. der Amp soll sich mit meiner Gitarre gut vertragen,
3. seine maximale Lautstärke soll es ermöglichen, auch größere Gigs zu absolvieren und - wichtiger noch - in Sessions, bei denen es oft zunehmend lauter wird, will ich mithalten können,
4. der Amp soll aber auch bei geringerer Lautstärke ein vergleichbares Soundverhalten zeigen wie bei höherer Lautstärke,
5. er soll leicht und einfach transportabel sein,
6. Transe bzw. Modeling-Amp oder Röhre (höherer und kostenintensiver Wartungsaufwand), mit wie viel Kanälen?
7. möglichst Bedienerfreundlich, vor allem unter Stress,
8. soll er Effekte eingebaut haben, wenn ja, welche?
9. was darf er denn maximal kosten?
10. Zur Negativabgrenzung habe ich mich auch gefragt, was ich denn gar nicht haben will.


Diese Fragen habe ich in einer Tabelle schriftlich fixiert und meine Antworten in einer Spalte daneben aufgeschrieben.

Anmerkung:
Sie lauteten: Möglichst 50 – 100 Watt (am liebsten 100, die Leistung dann aber reduzierbar), vorzugsweise Röhre, Transe wird akzeptiert, wegen des Gewichtes am liebsten Topteil + gute Box (2x12), Combo wird akzeptiert, 2 Kanäle, Effekte dürfen sein, sind aber nicht zwingend erforderlich.
Zur Negativabgrenzung: Kein Modeling-Amp, mit denen habe ich schlechte Erfahrungen gesammelt, zudem steht mir nicht der Sinn danach, andere Amps oder Musiker zu kopieren.
Ich will hier jedoch niemandem den Bedarf absprechen. Andere mögen darüber ganz anders denken.


Damit war eine erste Selektion vollzogen.

Mit diesem Zettel bin ich einen recht großen Laden gegangen, habe mir den Spezialisten für Amps gesucht und ihm den Zettel gezeigt. Gleichzeitig bekam er weitere relevante Infos, z.B. über meine Musikrichtung, die Besonderheiten meiner Gitarre(n), aber auch, welche Amp - Erfahrungen ich bisher gesammelt hatte.
Indem ich erkennen ließ, dass ich mich mit dem Thema schon intensiv beschäftigt habe, habe ich den Verkäufer gleichzeitig davon überzeugt, dass ich ernsthafte Kaufabsichten hege. Damit beeinflusst man das Verkäuferverhalten ungemein zum positiven. Außerdem sollte er natürlich wissen, was ich suche und mir erste Vorschläge unterbreiten.

Und ab ging es in den Testraum, in dem auch die Vorführgeräte stehen. Die in Frage kommenden Geräte ließ ich mir zunächst einmal erläutern. Was können sie, was kosten sie?

Ich habe keinen Amp von vornherein ausgeschlossen(mit Ausnahme der Modeling natürlich), jeder Hersteller war mir recht.
Aber die Test-Umstände waren nicht gerade glücklich. Hauptgeschäftszeit, eine Menge Publikum, dauernde Störungen (Kann ich jetzt auch mal?) ect. Es blieb also zunächst beim Test einiger Transen bzw. Combos, die durchfielen. Jedem getesteten Amp widmete ich eine weitere Spalte auf meinem Zettel. Na ja, das Wort „nein“ war schnell eingetragen.

Jetzt habe ich den Verkäufer danach gefragt, zu welcher Zeit erfahrungsgemäß am wenigsten im Laden los ist und entsprechende Termine mit ihm vereinbart. Ich wollte auch bei weiteren Tests von ihm beraten werden. Bei einem neuen Verkäufer hätte alles wieder von vorn angefangen. Damit signalisierte ich auch ein gewisses Verständnis für die Geschäftsinteressen.

Anmerkung:
Das Wort „Verkäufer“ oder „verkaufen“ habe ich übrigens vermieden. „Qualifizierte Beratung“, das hört sich doch ganz anders an. So ganz nebenbei erntete ich einen Sympathiebonus und baute eine persönliche Beziehung zum Berater auf. Z.B. redeten wir uns plötzlich mit (Vor-) Namen an, das blieb bei den folgenden Terminen nicht ohne positive Folgen. Ich war nicht mehr ein (namenloser) Kunde von vielen… Ach ja, natürlich wurden mir auch Amps angeboten, die erheblich über dem von mir gesteckten Preisrahmen lagen. Ich habe mich nicht gescheut zu sagen: „So viel Geld habe ich nicht.“ Damit haben sich diese „unsittlichen Angebote“ ein für allemal erledigt. Und tatsächlich ist es völlig sinnlos, sich mit einem Mesa Roadking oder Diezel Herbert zu befassen, wenn die Kohle dafür nicht reicht. Es sei denn, man will mal richtig G.A.S. geben.


Zum nächsten vereinbarten Termin brachte ich neben meiner favorisierten Gitarre auch meine zweite mit. Vorrangig soll natürlich die Erstgitarre gut mit dem Amp harmonisieren, die zweite ist aber auch Wichtigkeit – wenngleich nur von untergeordneter. Mit einer anderen als der eigenen Gitarre einen Amp zu testen, ist töricht. Es sei denn, man kauft die gleich mit.

Jetzt ging es ans Eingemachte, nämlich die 100 – Watt – Röhren - Boliden. Zunächst mal den H&K Puretone.

Anmerkung:
Ach, der hat nur 25 Watt? Nun, abgesehen davon, dass er so nicht ausschaut, habe ich das schlicht nicht gewusst. Der Verkäufer auch nicht. Ich habe es gemerkt, weil ich mir für jeden getesteten Amp hinterher Infos aus dem Web und anderen Quellen geholt habe. Und dabei bin ich auf diese Watt – Angabe gestoßen. Nun ja, die Verkäufer können auch nicht alles über die vielen Amps und steten Neuerscheinungen wissen, die in die Läden kommen. Außerdem ist irren menschlich. Dafür habe ich in der Tat Verständnis. Gleichwohl habe ich diese Tatsache ab sofort in alle Überlegungen einbezogen und alle Verkäuferangaben sorgfältig geprüft.


Insgesamt habe ich rund 20 Amps getestet. Jeder Test begann bei geringer Lautstärke und endete unter Volllast, externe Effekte wurden nie zugeschaltet. Das Amp-Verhalten wurde bewertet und in meine Tabelle eingetragen. Bei etwa der Hälfte der Amps wurde mir in wenigen Minuten klar, dass sie nicht in Frage kommen. Beim Rest dauerte kein Test unter 30 Minuten, waren Effekte vorhanden, nahm das mehr Zeit in Anspruch. An jedem Amp wurden unterschiedliche Boxen angeschlossen, um das unterschiedliche Klangverhalten zu prüfen.

Zwischen den Tests habe ich Pausen eingelegt; denn das Gehör wurde stark in Anspruch genommen. Darum war ohnehin nach maximal 2-3 Stunden ein Testtag beendet. Meist schon eher, denn auch mit der Konzentration gings stetig bergab. Zu Hause habe meine Tabelle mit positiven und negativen Anmerkungen zu jedem Amp vervollständigt. Bei so vielen Amps vergisst man doch den einen oder anderen Vor- und Nachteil zu schnell.

So konnte ich immer mehr Modelle aus meiner Liste streichen, bis ich 3 Favoriten übrig hatte. Zwischen ihnen sollte also die Entscheidung fallen. Dazu habe ich einen Freund und Gitarristen „mit gutem Ohr“ zum letzten - wiederum vereinbarten - Testtag mitgenommen. Während er auf meinen Klampfen sich durch alle möglichen Stilrichtungen hindurchkämpfte, habe ich mich nur noch mit dem Amp beschäftigt, immer wieder die Einstellungen verändert und vor allen Dingen zugehört. Daraus ergab sich mein bevorzugtes Modell. Wider meinen ersten Gedanken war es ein Combo, den es aber auch als Topteil-Version gibt, wie ich von meinen Internet-Recherchen wusste.

Anmerkung:
Ich bin immer noch froh, dass ich kein Modell und keine Modellvariante von vornherein ausgeschlossen habe, sofern es in meiner Preisregion lag. Sonst wäre ich bei diesem Amp gewiss nicht angekommen.


Dieser Prozess des Auswählens hat einige Zeit gedauert. Manche ursprünglich vorhandene Idee habe ich während der Tests als für mich überflüssig erkannt. Am wichtigsten für mich war jedoch: Ich wurde immer mehr zu meinem "authentischen" Ton, den für mich und meiner Musik stimmigen Sound hingeführt.
Es war schwer, nicht aus einem Impuls heraus sofort den einen oder anderen Amps zu kaufen, die ganz gewiss auch nicht schlecht waren. Phasenweise hatte ich richtiggehend die Schnauze voll. Aber die Dinger kosten ja richtig viel Geld. Und dann aus Ungeduld kaufen und kurze Zeit später doch unzufrieden sein?

Dass ich nach all dem mir gebotenen Service in dem von mir recht stark beanspruchten Laden gekauft habe, war für mich selbstverständlich. Ich habe dort etwa 150 € mehr bezahlt, als bei einem Versandhändler, das ist erträglich, dafür habe ich weiterhin den Service vor Ort. Apropos Service: Ich bestellte also Top und Box, beides war beim Importeur war nicht vorrätig. Nachdem der vereinbarte Liefertermin überschritten war, stellte mir der Verkäufer ein Leihgerät, nämlich „meinen“ Amp als Combo-Version bis zur Auslieferung zur Verfügung – kostenfrei. Noch Fragen zum Service?

Wer es sich zutraut, mag auch einen Amp in den USA direkt kaufen. Bei dem derzeitigen Währungsunterschied mag das durchaus Einsparungen bringen. Man muss allerdings neben den Frachtkosten und Importzoll zusätzlich die Kosten für einen (externen) Spannungswandler von 110 auf 230 Volt hinzurechnen.

Ein letzter Tipp noch: Freunde mitnehmen ist gut. Man muss nur darauf achten, dass man sich nur beraten lässt - nicht beeinflussen. Das ist eine Gratwanderung, die nur gelingt, indem man sich seine eigenen Ziele immer wieder vor Augen hält.

Wie gesagt, dass meine Überlegungen und die daraus resultierende Vorgehensweise für jedermann der ultimative Weg beim Neukauf eines Amp sind, behaupte ich nicht. G.A.S. ist für mich ganz gewiss kein Fremdwort. Und doch, es hat sich seit langer Zeit nicht mehr eingestellt. Ob das daran liegt, dass ich mit meinem Geraffel restlos zufrieden bin? Dann hat sich meine Strategie beim Amp - Kauf bewährt.

Mit Bedacht habe ich weder den Hersteller noch das konkrete Modell meines Amps genannt. Um diese Geschmacksfrage geht es nicht, und sie soll auch nicht diskutiert werden.
Im Vordergrund sollen in diesem Beitrag meine Überlegungen vor und während des Kaufes stehen, so wertfrei wie irgend möglich.
Sollten diese bei dem ein oder anderen eine Art Leitfaden für eigene respektive zusätzliche Überlegungen sein, würde ich mich freuen.
 
Gruss
frank
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