Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

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Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

groby hat gerade Zeit.

Und da gehen ihm Dinge durch den Kopf, zum Beispiel das, was er selber schrieb vorhin, das ging ungefähr so "Der Vorwurf von Unauthentizität oder Kommerz ist absurd, weil er impliziert, dass der Künstler selber heuchelt, was er da macht, nur um einen breiten Geschmack zu treffen. Warum soll ein Künstler etwas, was ja definitionsgemäß besonders vielen Leuten gefällt, nicht selber authentisch mögen?"

Und dann hörte ich den grauenvollen Mash-Up von sechs Country-Songs den Gurkenpflücker dort verlinkt hat (Brad Paisley-Thread).

Oh, Gott. Eine billigere Scheiße aus musikalischem Malen-Nach-Zahlen und textlichen Abgeschmacktheiten kann man sich ja kaum ausmalen.

Da kann man 6 moderne Country-Pop-Songs gleichzeitig hören und aus allen entsteht ein Schlaglicht-Eindruck der aktuellen Szene. Dieser Eindruck lautet ungefähr so:

Apfelkuchen-Patriotisms über Sommernächte am 4.Juli und Working Class Country Boy Romantik über Tanzen auf der Pickuptruck-Ladefläche, garniert mit Hohl-Phrasen "You and I, Baby" und semantischen Nullstellen aus der "Passt überall rein"-Schublade (gerne als letzte Zeile vorm Refrain "That's what it's all about", "Oh, baby, that's right, yeah" und so).

Und da muss ich meine Ansicht nochmal revidieren:

Kreativität - also der Wunsch, etwas möglichst eigenes zu schaffen und sich dieser Herausforderung zu stellen - ist für mich der Motor des Musikmachens.

Wer aber solche Musik ernsthaft mag, der ist an neuem eher nicht interessiert. Er mag vielleicht eher das Bekannte, Erkennbare, er mag Muster und klare Strukturen, erwartet von Musik pfiffige Unterhaltung aber gerade nichts Herausforderndes, keine Vorbedingungen oder andere kognitive Anforderung. Diese Art von Leuten neigt eher zu bürgerlichen Berufen und Hobbies, aber selten sind es Künstler oder Musiker.

Was sind das für Leute, die Musik wie die oben genannte machen? Was sind das für Gründe? Kann man das vielleicht doch stellenweise auf Kommerz reduzieren, also Wunsch, vorrangig nicht Musik sondern (mit Musik) Geld zu machen? Sehen sich diese Leute als Musiker oder eher als Erwartungserfüller?

Um es mal deutscher und mit anderen Worten zur Pointe zu bringen: Die Flippers. Verstehen die sich selbst als Musiker oder als Entertainer oder als Schauspieler? Und mögen sie ernsthaft selber was sie da machen?

Oder bin ich da zu hardcore mit meinem Anspruch, Musikschaffen müsse etwas mehr sein als nur Versatzstücke zusammenzufügen?



Nur so nebenbei: Ich finde den Wunsch, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, astrein. Auch mit Musik. Die Frage ist, macht einen das Herausbringen derartig uniform ausgestanzter Klischee-Songs zu einem Musiker?

Und kann man das als Musiker - also jemand den es innerlich zur Musik getrieben hat - in diesem Extrem selber gut finden?
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Re: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

groby schrieb:
Kreativität - also der Wunsch, etwas möglichst eigenes zu schaffen und sich dieser Herausforderung zu stellen - ist für mich der Motor des Musikmachens.


Da ist der Knacktus Kasus: Für Dich! Es gibt eine Menge Musiker, die einfach nur Freude am spielen haben. Der Wunsch etwas eigenes zu schaffen ist keine generelle Vorbedingung zum Musikmachen. Nimm mal alle die tausenden Orchestermusiker, sind das für Dich keine Musiker?

Viele Grüsse,
gp

P.S.
Die Frage nach der Authentizität kommt "merkwürdigerweiser" immer erst auf, wenn jemand mit "unanspruchsvoller" Musik Erfolg hat. Kein Mensch unterstellt dem Barsänger in der Kaschemme mangelnde Authentizität.
 
Früher dachte ich, dass alle Musiker nette, freundliche und intelligente Menschen sind.
Dann fing ich an, selbst Musik zu machen.
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RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

Wer aber solche Musik ernsthaft mag, der ist an neuem eher nicht interessiert
so klischeehaft muss man argumentieren, wenn man noch nicht ernsthaft den Versuch hinter sich gebracht hat, sich von kulturellem Schubladendenken und festgefahrenen Mainstream-Vorurteilen zu befreien.

Ich höre mir nach einem Ornette-Coleman-Free-Jazz-Gewitter oder einer Vernon-Reid-Orgie jedenfalls gern was Herzzerreißendes von Emmylou oder eine Gunfighter-Ballade von Marty Robbins an, um dann für Freddys "Die Gitarre und das Meer" gewappnet zu sein.
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RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

schorsch27 schrieb:
Ich höre mir nach einem Ornette-Coleman-Free-Jazz-Gewitter oder einer Vernon-Reid-Orgie jedenfalls gern was Herzzerreißendes von Emmylou oder eine Gunfighter-Ballade von Marty Robbins an.


Das ist schön, aber ich würde jetzt deine persönlichen Vorlieben nicht für repräsentativ halten.

Sicher bin ich da sehr verallgemeinernd.

Aber ich denke nicht, dass unter Fans von recht formelhafter Musik (sagen wir Schlager oder moderne Volksmusik) besonders viele Avantgarde- oder Free Jazz-Hörer sitzen. Von Fans strukturell schemenhafter Musik kommt dann doch eher der Vorwurf, diese andere Musik (z.B. moderner Jazz) sei ja eher "Geräusch" oder "Krach" (also wirres Zeug mit für sie nicht erkennbarer oder liebenswerter Ordnung).

Und ich sehe die Vorliebe für strukturell Bekanntes dann auch in anderen Bereichen bestätigt und glaube auch nicht, dass Ornette Coleman oder Vernon Reid Fans in der Literatur zu Rosamunde Pilcher Büchern oder Bastei-Verlag Lassiter Abenteuern neigen.

Wie man diese Vorlieben bewerten will (oder ob man das überhaupt muss) ist eine davon völlig getrennte Sache.

Und "Schubladendenken", mhhh.

Diese Schubladen gibt es. Du hast sie selber in deinem Posting verwendet indem du indirekt zu Grunde legst, Emmylou Harris und Ornette Coleman seien zwei verschiedene davon. Du Schubladendenker, du.
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Re: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

Guitarplayer schrieb:
Die Frage nach der Authentizität kommt "merkwürdigerweiser" immer erst auf, wenn jemand mit "unanspruchsvoller" Musik Erfolg hat. Kein Mensch unterstellt dem Barsänger in der Kaschemme mangelnde Authentizität.


Da gebe ich dir vollumfänglich Recht und bringe mal ein Beispiel ein:

Ein quasi Bekannter von mir macht seit vielen Jahren Musik. Auf ihn aufmerksam geworden bin ich über YouTube-Videos und MySpace, in denen er mit einem Kollegen poppige, aber seeehr geschmackvolle akustische Musik macht. Gitarre vom Kumpel und seine wirklich unglaublich gute Stimme mit tollen deutschen Texten - ich war sehr schnell total angefixt und beeindruckt.

Erst nach 2-3 Jahren habe ich durch Zufall herausgefunden, dass dieser Mensch sein Geld mit Musik verdient. Nicht etwa mit den schönen Akustik-Songs aus seinem Wohnzimmer, sondern als Sänger in einer der größten deutschen Techno-Bands (nagelt mich jetzt nicht auf das Genre fest) überhaupt. Kategorie ausverkaufte O2-World in GB. YouTube-Klicks auf professionelle Videos im 10-Millionen-Bereich.

Ich konnte das alles nicht glauben - auf der einen Seite diese wirklich schöne akustische Musik - auf der anderen Seite DAS. Die Techno-Musik ist wirklich absolut fürchterlich - ich kenne auch gut gemachten Techno, aber die Band ist echt schlimm (also wirklich wirklich wirklich!!!).

Auf die Frage hin, ob das Geld wirklich so gut ist, dass er sich damit arrangiert, reagierte er ziemlich verständnislos und erklärte mir, dass er den Kram auch gerne macht. Er mag die Musik, es macht ihm viel Spaß und er ist (ja auch irgendwie zurecht) stolz darauf.

Ich glaube, um sowas beurteilen zu können muss man immer die konkreten Macher selber fragen. Die eigenen Geschmackskategorien anbringen ist für die Beantwortung der Frage, wie der Künstler zur Musik steht, genauso dämlich, wie das Pachten des Urteils über guten oder schlechten Geschmack.

Außerdem glaube ich nicht, dass man das Musikbusinnes irgendwie überleben kann, wenn man nicht ein Fitzelchen an Freude an der eigenen Musik hat. Dafür ist das Geschäft viel zu hart und anstrengend. Unabhängig davon, wieviel Geld fließt.
 
"Ein Lothar Matthäus hat es nicht nötig, von sich in der dritten Person zu sprechen." (Lothar Matthäus auf die Frage bei einer Pressekonferenz, warum er öfter von sich in der dritten Person spreche)
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Re: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

groby schrieb:
Wer aber solche Musik ernsthaft mag, der ist an neuem eher nicht interessiert. Er mag vielleicht eher das Bekannte, Erkennbare, er mag Muster und klare Strukturen,


Du beschreibst hier gerade den US-amerikanischen Bible-Belt.

groby schrieb:
Nur so nebenbei: Ich finde den Wunsch, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, astrein. Auch mit Musik. Die Frage ist, macht einen das Herausbringen derartig uniform ausgestanzter Klischee-Songs zu einem Musiker?

Und kann man das als Musiker - also jemand den es innerlich zur Musik getrieben hat - in diesem Extrem selber gut finden?


Wenn man mal versucht hat, mit Musik die heimischen vier Wände zu finanzieren und das täglich Brot,
dann sieht man das alles sehr viel pragmatischer, denke ich.
Man hält sich handwerklich fit dabei, und es ist allemal der bessere Job als bei Aldi an der Kasse Samstags morgens Whiskyflaschen zu scannen.
Davon ab, wer macht so richtig kernig authentisch und kommerzfrei seinen Hauptberuf?

Viele Grüße,
woody
 
The truth is rarely pure and never simple.
Oscar Wilde


Zuletzt bearbeitet von Woody am 10.01.2015, insgesamt 2-mal bearbeitet
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RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

Moin,

Eins der wohl tragischsten Beispiele eines "Erwartungserfüllers", der selbst nicht mit der Situation klargekommen ist, war wohl Roy Black. Er hat sich schließlich das Leben genommen.

Um sich bei Vollplayback mit völlig banalen Melodien und Texten einer Öffentlichkeit zu präsentieren (ständiges Elend bei den vielen Volksmusik Hitparaden Shows, Flippers sind ein gutes Beispiel), kann musikalischer Anspruch m.E. kein Antrieb sein. Hier zählt wohl mehr Geltungssucht und finanzielles Interesse. Wobei....über lange Zeiträume von einer großen Fanbase gehuldigt zu werden, vermittelt eben meistens auch ein tolles Gefühl, hat aber mit musikalischer Schaffenskraft wenig zu tun.

Ich denke, ein Roy Black hat die Situation längere Zeit auch genossen, konnte sich aber irgendwann nicht mehr im Spiegel betrachten und ist gescheitert. Andere sehen halt gar keine Veranlassung in einen Spiegel zu schauen bzw. halten das Publikum und die Produzenten für einen Spiegel.
 
Gruss, tommy
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RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

Hier prallen wieder einmal Geschmack und Toleranz auf die Funktion der Musik als Kunst und/oder Hobby vs. Dienstleistung und/oder Beruf.

Nach meiner Erfahrung kann man dabei einige Regelmäßigkeiten feststellen:

- Komplett frei in der Kunst ist der Musiker nur, wenn er in keiner finanziellen Abhängigkeit vom Musikschaffen steht, z.B. als Hobbymusiker oder weil er genug Geld hat

- Die breite Masse des Publikums hat sich relativ wenig mit Musik und Musiktheorie auseinandergesetzt und will einfach nur kosumieren, ohne zu analysieren. Die Songs für dieses Publikum müssen denen bekannt sein, sei es, in dem sie die Lieder schon kennen oder weil der Song sehr an bekannte Songs erinnert

- Wer die Musik als Dienstleister erbringt, hat auch die Verantwortung des Publikums und/oder des Auftraggebers zu erfüllen. Wenn das Publikum Polka will, dann muss es auch Polka geben

- Musik ist eine Kunstform, die nur in angemessener Form vom Zuhörer erfahren werden kann. Ein Kleinkind findet erst einmal auch reine Dur-Akkorde schöner als "Jazzakkorde", so wie es reinen Zucker liebt, komplexe Aromen einer Zartbitterschokolade aber nicht mag

Das Thema ist sehr komplex und nicht zuletzt wird das ja in hunderten Musikhochschulen auch behandelt und erforscht. Ob man "das" jetzt gut oder schlecht findet, hat mit Geschmack und Toleranz zu tun. Auch sehr komplexe Themen.....
 
"Wir essen jetzt Opa!" - Interpunktion rettet Leben!
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RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

Nur wer frei von kulturellen Blockaden ist kann kreativ schöpfen.
Das beantwortet für mich grobys eingangspost.
 
I will burn your brain with my fuzz.
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RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

Je länger ich darüber nachdenke, desto verrückter wirkt dieser Authentizitäts- Anspruch auf mich.
Niemand engagiert einen Schreiner, weil der so authentisch schreinert.
Auf der anderen Seite fordert niemand einen Regalnachfüller bei Edeka auf Parties auf, doch mal ein Regal vollzuräumen, man hätte auch extra für Dosen gesorgt, Erbsen und Möhrchen extrafein.
'Spiel doch mal was, hier ist auch eine Gitarre!', das höre ich schon mal öfter.

Es gibt in der Behandlung von Musikern häufig eine zweifache falsche Unterstellung:
Das es beim Musikmachen immer im Kern um den Musiker geht, und, das Musikmachen so toll ist, das man als Musiker im musikalischen Handeln genug Freude, Selbstwertgefühl und Nahrung findet.
Zunächst die einfachen Fehler:
Ich mag mich auf Parties auch mal unterhalten/unterhalten lassen.
Musik hören, plaudern und Bier trinken ist nicht notwendiger Weise unattraktiver als Gitarre spielen und den Pausenkasper machen.

Gitarre spielen per se macht nicht satt. Aufmerksamkeit kann man nicht essen.
"Ein tolles Forum/eine tolle Gelegenheit" misst sich auch in harten Zahlen, bezahlten Folgegigs und professionellen Kontakten und Anfragen, und nicht etwa in der transzendentalen Grenzerfahrung der Veranstalter, die das gratis bekommen haben.

Zur Authentizität, der Fall liegt ja ewas subtiler.
Popmusik dreht sich um den Hörer, nicht um den Musiker oder um seine 'Authenzität'.
Wenn hinreichend viele Hörer eine subjektive emotionale Connection zu einem Song aufbauen können, dann ist dieser Song erfolgreich.
Was der Musiker beim Schreiben und Aufnehmen dieses Songs dachte, fühlte und meinte ist erstmal nebensächlich. Ich kenne viele total 'authentische' Songs, (und damit meine ich totsl ernstgemeint, mit intendierter Message und unironisch), die einfach Scheiße sind.
Authentizität ist ein recht diffuses Konzept, was sich der Hörer konstruiert und auf den Künstler projiziert, um sie dann aber vom Künstler einzufordern.

Wie oft habe ich gehört, dass sich Band xy mit ihren ersten kommerziell erfolgreichen Alben "ausverkauft", sich dem Mainstream angenuttet zu haben.
Den Musikern wird vorgeworfen, mit Ihrer Musik Geld verdienen zu wollen,
weil das nicht die hehren Motive sind, die das Publikum gerne ihren Helden zuschreiben will.
Das ist total perfide Scheiße.

Es geht im Kern immer um das Publikum, dessen Ansprüche und Projektionen.
Nicht um den Musiker und seine Authenzität, was immer das auch sein möge.

viele Grüße,
woody
 
The truth is rarely pure and never simple.
Oscar Wilde
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Re: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

Woody schrieb:
Du beschreibst hier gerade den US-amerikanischen Bible-Belt.


Ich bin mir sicher, dass sich das als These voll auf Deutschland anwenden lässt. Nur Details unterscheiden sich.

Wenn man mal versucht hat, mit Musik die heimischen vier Wände zu finanzieren und das täglich Brot,
dann sieht man das alles sehr viel pragmatischer, denke ich.


Klar, aber ob das verwerflich ist oder nicht, darum geht es ja nicht. Es geht ja um "Kommerz" und "unauthentisch" (wenn man diese Begriffe verwenden will) und darum was ein Musiker (unabhängig davon, ob es lukrativ ist) selber mag von dem was er macht.

Dass ein Berufsmusiker sehen muss wo er bleibt und seine Familie ernähren will, steht auf einem anderen Blatt.

Ein Freund von mir hat früher (als wir noch dumm und ahnungslos waren) auch immer gewettert, dass Musicals-Spielen der Bodensatz der Musik sei. Der Ausverkauf der Musiker-Seele und so.

Jetzt hat er Familie und es stellt sich heraus, dass feste Job-Angebote für Jazzmusiker mit Selbstverwirklichungsanspruch selten sind. Also: Starlight Express.

Das ist völlig normal und selbstverständlich. Aber wenn man in doofen Kategorien wie "authentisch" vs. "unauthentisch" denken will, ist das eben künstlerisch letzteres.

(So wie du sagst: Wie fast jeder Beruf in irgendeiner Weise.)
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RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

Woody schrieb:
[richiges]


Nun, das ist ein allgemeineres Grundsatzproblem, dass sich - für mich - aus zwei Aspekten speist.

Das eine ist, dass Musik überall kostenlos erhältlich und verfügbar ist und daher als Ware oder Dienstleitung wenig Wert. Anders als Steuerberatung. Wer für Musik Geld erhofft, tut also etwas Ungewöhnliches und steht fast unter Rechtfertigungsdruck.

Das andere ist, dass man von einem Musiker erwartet, dass Musik für ihn eine freudige Berufung und Passion, nicht Arbeit zu sein hat ("höchstens ein schrulliges Hobby" wie Sven Regner in seinem Radio-Ausfall sagte). Eine Passion der er gerne überall nachgeht. Anders als man das von einem Steuerberater erwartet. Also warum nicht hier auf der Party auch?
Verfasst am:

RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

indem du indirekt zu Grunde legst, Emmylou Harris und Ornette Coleman seien zwei verschiedene davon. Du Schubladendenker, du
...wo Du recht hast ...

Aber zu Deiner Eingangsfrage: wenn man den Begriff "authentisch" einfach mal mit "echt" übersetzt, tut man sich leichter.

Wenn man der Legende traut - ich weiß da zu wenig drüber - dürfte der oben erwähnte Roy Black ebenso wenig echt gewesen sein (es gibt frühe Aufnahmen, auf denen er die großen Rock'n Roller imitiert hat) wie der Carlos Santana der letzten sagenwirmal 30 Jahre.

Gänsehaut und Schweiß (wenn ersterer nicht von Kälte und letzterer nicht von körperlicher Anstrengung oder vom Bühnenlicht herrührt) sind ziemlich untrügliche körperliche Anzeichen von Authentizität .
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Re: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

groby schrieb:
Kreativität - also der Wunsch, etwas möglichst eigenes zu schaffen und sich dieser Herausforderung zu stellen - ist für mich der Motor des Musikmachens.



Hallo Groby,

der oben zitierte Satz hat mich neugierig gemacht, und das meine ich wirklich ernst.
Kann man denn mal was von Deiner Kreativität hören?

Nochmals ... ich frage das mit allem Respekt! Und ich denke jeder, der
eigene Musik macht, hat sich zwangsläufig mit dem Thema auseinandergesetzt.



Liebe Grüße


HaPe
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Re: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

ticemusic schrieb:
der oben zitierte Satz hat mich neugierig gemacht, und das meine ich wirklich ernst.
Kann man denn mal was von Deiner Kreativität hören?


Mein alte Band ist nicht mehr, eine neue ist im Aufbau.

Man könnte im Netz einiges von mir hören, aber das wenigste gibt mir Grund zu Stolz.

Ich wollte auch keineswegs sagen, dass man Anspruch auf hohe Qualität haben muss (was auch immer das bei Musik sein sollte).

Und wenn man nicht gerade Abstrakte Avantgarde macht, gibt es noch die Frage, zu welchem Grade "eigenes" überhaupt möglich ist.

Blues zum Beispiel ist ein abgestecktes, harmonisch enges Format mit gewissen Traditionen und einschränkenden Struktur-Erwartungen.
Ketzerisch könnte man fragen, ob Clapton's "eigenes" weniger "eigen" ist als die vergleichbare Menge an Frank Zappa Songs?

Ich kann das nicht sagen.

Und wenn man meine Worte von da ganz oben streng auslegt und mich selber dran misst, sieht es übel für mich aus.

Dennoch gibt es einen für mich grundlegenden Unterschied im Anspruch, etwas zu machen was ich man selbst erdacht habe (gut oder schlecht) oder dem Anspruch, nur klimpern und nachspielen zu wollen ohne bewusst eigenes "Werk".
Verfasst am:

RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

Lieber groby,

wenn du einen Ton spielst, hat den schonmal jemand gespielt. Die Wahrscheinlichkeit, dass du zwei Töne hintereinander spielst, die noch nie jemand gespielt hat, ist auch gleich Null.

Tucholsky hat einmal geschrieben: Es gibt keinen Neuschnee. Wohin immer du gehst, wirst du Spuren im Schnee finden. Ein sehr verstörender und trauriger Aufsatz. Ich schätze Kurt Tucholsky sehr aber hier hatte er vielleicht Recht doch der damit verbreitete Pessimismus und Missmut ist nicht akzeptabel.

Pack die Gitarre für ein paar Wochen an die Seite, hör keine Musik, geh ins Museum, koch dir was Schönes. Lad den Akku mal wieder auf.

Es kommt nicht darauf an, Musik zu machen, die völlig neu und ungehört ist. Es kommt darauf an, Musik zu machen, die den Zuhörer berührt. Und wenn Mozart die verdammten drei Noten schonmal so angeordnet hat, ist das auch okay.

Gruß

erniecaster
 
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RE: Kommerz & Authentizität___Come on, baby, oh yeah, you and I_

?

Danke, ernie, aber: geht mir gut. Keine Krise oder dergl.

Und ich habe ja schon gesagt, die Idee etwas zu schreiben und es dann "Eigen" oder gar "Neu" zu nennen, ist höchst anfechtbar.

(Schließlich hat Ralph Siegel zum Vorwurf, seine Lieder klingen oft bekannt und untereinander ähnlich, schon gesagt, es gäbe ja nur halt fünf Töne.)

Aber dennoch scheint es mir absurd dass es soviele Leute gibt, die derart schablonenhafte Musik wie die verlinkte machen und die das aus echtem Antrieb so machen (der Vorwurf der "Unauthentizität" impliziert ja, man verstelle sich, z.B. um gefällig zu sein).

Mit einem Vergleich gesprochen meine ich folgendes:

Werden Leute Schriftsteller und sind dann ernsthaft vollkommen erfüllt darin, den Rest ihres Lebens Romane der Reihe "Oberschwester Stefanie" von Bastei zu schreiben (also etwas, was einfach gestaltet ist, einem streng bekannten Muster folgt und wenig individuelle Note oder Eigenausdruck zulässt)?


Das soll kein geschmackliches Werturteil sein und auch kein Vorwurf, dass man Geld verdienen muss.
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