Der Tag danach in Deutschland

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RE: Der Tag danach in Deutschland

Michael (Jacuzzi) schrieb:
Banger schrieb:
Anfangs des Jahres auf der Wintersession hatte ich mich noch mit dem Jacuzzi-Michael über das Thema unterhalten, und sofern ich mich trotz der zwei Biere korrekt erinnere, waren und sind wir beide der Überzeugung, dass unsere Demokratie zum einen solche Erscheinungen aushalten kann und muss, zum anderen ein Einzug in den Bundestag eine Chance bedeutet; nämlich dahingehend, dass die Partei aus ihrem "Wir könnten, würden, täten, wenn …" heraus und wirklich liefern muss. .....


*Zwei* Biere?

Ich glaube, du erinnerst dich an gar nichts mehr.

Abgesehen davon: Nur ungefähr. Wenn ich sage, dass die Rechten in die Parlamente hineingehören, dann liegt das nur in zweiter Hinsicht daran, dass die sich dort evtl. selbst demaskieren. Das ist auch gar nicht so wünschenswert, denn nachdem sich DVU, NPD, Republikaner, Dritter Weg und was-weiß-ich-nicht-wer am laufenden Band selbst demaskiert haben, sind die Leute ja nicht weg, die sich dort aufgehoben fühlen. Die wandern nur weiter.

Nee: Die gehören in die Parlamente, weil sie mit ihren Haltungen und Positionen ca. ein Siebtel der Bevölkerung abbilden. Kann man doof finden, aber zumindest kurz- und mittelfristig nicht ändern. Dafür haben wir ja die Parlamente. Ist vielleicht auch besser als rechte "außerparlamentarische Opposition", vor der es mich eher gruseln würde.

M. (J.)


Entschuldige bitte die Ungenauigkeit – es waren zwei Bier pro Minute.
Wenn ich es richtig rekapituliere, ging es in unserer Unterhaltung konkret um das NPD-Verbot, und wir waren uns dahingehend einig, dass solche politische Gruppierungen besser sichtbar als – wie es nach einem Parteiverbot der Fall wäre – im Untergrund, weil man mit einem Parteiverbot ja nicht die Anhängerschaft mit beseitigt.

Was die Demaskierung der AfD im Parlament angeht, bleibe ich allerdings bei meinem Standpunkt, jedoch mit Fokus auf den Rattenfänger-Habitus, der ja große Teile des Parteiprogramms ausmacht. Wird spannend, ob man die vielen Versprechungen an den "einfachen Mann auf dem Volk" auch umsetzen kann.
 
Gruß & Grooves,
Andreas
--

Tu Deinem Admin was Gutes.
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RE: Der Tag danach in Deutschland

Ich sehe die Sache nicht ganz so "entspannt".

Nüchtern betrachtet, ja, eine nationale, nationalistische, völkische, rassistische Denke war immer schon da. Und ja, Menschen die so dachten, wählten vor 30, 40 Jahren eher die sog. etablierten Parteien, wurden von ihnen "abgeholt". Da ist sicher ein Unterschied zum Heute auszumachen.

Zum "Auseinandersetzen" gehören immer mindestens zwei. Und: es muss zwingend eine Bereitschaft zum auseinandersetzen geben. An dieser Stelle bin ich bei der AfD wenig zuversichtlich. Obacht: ich will damit nicht sagen, dass man es dann eh sein lassen kann und soll. Ich finde nur, viele derer wollen nicht diskutieren, sondern Recht haben. Somit wird unsere Vorstellung oder werden unsere Mittel der "Auseinandersetzung" schnell an ihre Grenze stoßen.

"Die AfD-Anhänger, die ein kulturell und religiös homogenes Deutschland wollen, die auf eine vermeintlich einheitliche, traditionelle deutsche Identität pochen, die wird man nicht erreichen." dieser Satz stammt von Carsten Reinemann, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Das sehe ich genauso. Und deshalb ist das "Früher" mit dem "Heute" so nicht mehr vergleichbar. (Es sei denn, man meint mit "früher" das Früher 80 Jahre zurück. Da würde ich dann zustimmen.)

Ich bin vorsichtig mit Prognosen, dass man viele Wähler und Anhänger der AfD zurückholen kann, wie bspw. aus Sachsen oder auch Bayern. In der Wahlentscheidung sehe ich daher mehr inhaltliche, weltanschauliche Überzeugung als Protest.
 
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RE: Der Tag danach in Deutschland

Ich sehe den Erfolg primär in der versäumten Flüchtlingspolitik (bzw. in der inkonsequenten Umsetzung).
Das war eine Wahl gegen den Flüchtlingsstrom. Welche andere Partei hat dagegen Stellung bezogen?

Nicht dass ich das toll finde, ich bin ein Gegner der AfD....jedoch wurden die Ängste vor Überfremdung
vieler Bürger nicht ernst genommen......! Man kann Strömungen im Volk nicht einfach ignorieren....die sind da und müssen thematisiert werden.....

Dass man nun seinen Protest gerade mittels AfD zum Ausdruck bringt ist eigentlch klar.....
es war die einzige Partei, die sich in diesem Thema klar und eindeutig gegen die Politik der GreKo
entgegengesetzt hat. Kritisches kam sonst nur von der CSU...das war vielen zu wenig, noch dazu ist sie
nur in Bayern wählbar.....

Das ist nur ein Erklärungsversuch, keine Anschuldigung bzw. Rechtfertigung....
Davon ist in den sozialen Medien genügend zu lessen....

Anstelle jetzt im Kollektiv auf die AfD einzuprügeln ware es konstruktiv, auf die Wählerprofile einzugehen.
Weidel und Gauland sind nur die Tribrettfahrer dieser Strömung.....und nicht die Führer, denen diese Protestwähler folgen...
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RE: Der Tag danach in Deutschland

Tja, da kommen wir inhaltlich wohl überhaupt nicht zusammen:
Gitarada schrieb:
Zum "Auseinandersetzen" gehören immer mindestens zwei. Und: es muss zwingend eine Bereitschaft zum auseinandersetzen geben. An dieser Stelle bin ich bei der AfD wenig zuversichtlich. Obacht: ich will damit nicht sagen, dass man es dann eh sein lassen kann und soll. Ich finde nur, viele derer wollen nicht diskutieren, sondern Recht haben. Somit wird unsere Vorstellung oder werden unsere Mittel der "Auseinandersetzung" schnell an ihre Grenze stoßen.

Ist nichts neues. Auch nichts anstößiges. Nicht mal spezifisch deutsch. Niemand sollte zur "Auseinandersetzung" gezwungen werden. Ich zieh auf die Alm und bestelle alle Zeitungen ab. Oder nach Dresden, wo man früher kein Westfernsehen empfangen konnte. Dein Satz "es muss zwingend eine Bereitschaft...." ist sachlich und normativ falsch.

Gitarada schrieb:
"Die AfD-Anhänger, die ein kulturell und religiös homogenes Deutschland wollen, die auf eine vermeintlich einheitliche, traditionelle deutsche Identität pochen, die wird man nicht erreichen." dieser Satz stammt von Carsten Reinemann, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Ts-ts, Professoren. Die meisten von denen reden eh nur Blödsinn. Aber hier hat er Recht, der Professor.

Gitarada schrieb:
Das sehe ich genauso. Und deshalb ist das "Früher" mit dem "Heute" so nicht mehr vergleichbar.

Diese Schlussfolgerung verstehe ich nicht. Ich kann keine Spur von Logik darin finden. Die Wörter "und deshalb" kommen mir spanisch *und* chinesisch vor. Und das hat dieser Professor auch nicht gemeint. Das wäre ja nur unter der Voraussetzung richtig, dass irgendwann zwischen 1950 und 2015 alle einmal "erreichbar" gewesen wären. Wann und wo soll das den bitteschön so gewesen sein? (Insbesondere nicht in Sachsen zw. 1945 und 1990, um mal die relevanteste Vergleichsgruppe heranzuziehen.)

Das dahinter stehende Narrativ ist (und natürlich nicht nur deines, sondern alle erzählen zur Zeit dieses Zeug), dass wir es jetzt mit einem historisch besonderen oder "singulären" oder, wie du das nennst, "nicht vergleichbaren" Moment zu tun hätten. Ich halte das für vollständig falsch, und ich verstehe auch nicht, womit das begründet werden soll. Zumindest sicher nicht mit dem von dir angeführten Zitat.

Und wenn ich "nicht vergleichbar" höre, kriege ich sowieso Logik-Pickel.

Yeah trotzdem,

M.
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RE: Der Tag danach in Deutschland

Ich habe in diesem Zusammenhang zwei Fragen:

a) Wie steht ihr zum Modell der Konkordanz-Demokratie (wie in der Schweiz), wo alle Fraktionen an der Regierungsarbeit beteiligt sind und eben *nicht* in Koalition/Opposition gegeneinander, sondern miteinander arbeiten?
https://de.wikipedia.org/wiki/Konkordanzdemokratie

b) Ich sehe die Bezeichnung ganzer Bevölkerungsteile als dämlich auch kritisch. Meine Frau kommt aus Sachsen-Anhalt und ich kenne die Tristesse der Dörfer im Osten wirklich gut. Aus handfesten Gründen haben viele dort das Gefühl, "vom Westen" verarscht worden zu sein.
Dennoch haben die AfD-Protest-Wähler (nicht die überzeugten Neonazis), unter denen Hartzer, Geringqualifizierte und Rentner gegenüber der durchschnittlichen Bevölkerung stark überrepräsentiert sind (1/3 der Bevölkerung - der idR junge, besser qualifizierte Teil - ist in den Westen abgewandert), GEGEN ihre eigenen Interessen gewählt (das AfD-Programm sieht Zwangsarbeit für Hartzer vor, will das Rentenalter auf 70 anheben und und und) - und all dies ließ sich im Parteiprogramm vor der Wahl nachlesen. Wurde aber wohl nicht nachgelesen. Ist es nicht doch wenigstens ein bisschen dämlich, "aus Protest" eine Partei zu wählen, die mehr als alle anderen den eigenen Interessen schadet? Zugegeben - man *muss* sich nicht mit dem Programm der Partei, die man wählt, auseinandersetzen, aber ... der Kluge würde es tun.

Anstelle der AfD wäre wahrscheinlich die Linke eher die Partei ghewesen, die die Interessen der sozial Benachteiligten vertreten hätte. ABER die Linke ist vielen nicht konservativ oder reaktionär genug. Dass die Meinung auch derer, die zurück in 50er Jahre möchten, in einer Demokratie abgebildet werden soll, teile ich, nur ist die AfD eben nur zum Teil die Partei, die dies programmatisch anstrebt. Zum mindestens ebensogroßen Teil ist sie eine unsozial neoliberale Partei, die die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößern will und das für richtig hält.

Von diesen beiden Fragen abgesehen lässt sich bereits jetzt beobachten, wie sich die AfD selbst zerfleischt. Frauke Petry wird versuchen, 34 Parlamentarier zu sich ins Boot zu holen, um mit dann 5% eine eigene Fraktion "AfD light" zu bilden, und der Rest wird von den übrigen Fraktionen gestellt und aufgerieben, denke ich. Unsere Demokratie wird das aushalten.
 
Vor kurzem habe ich gesehen, dass eine Decke vor meinem Amp lag. Es war 6:57 Uhr morgens. Ich habe sie weggezogen.
Alter, da ging die Sonne auf. Das klang, als hätte jemand eine Decke vorm Amp weggezogen.

https://soundcloud.com/user-868938649
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RE: Der Tag danach in Deutschland

ferdi schrieb:
a) Wie steht ihr zum Modell der Konkordanz-Demokratie (wie in der Schweiz), wo alle Fraktionen an der Regierungsarbeit beteiligt sind und eben *nicht* in Koalition/Opposition gegeneinander, sondern miteinander arbeiten?

Ich wage kein Urteil weil man das in Aktion kennen müsste um eine qualifizierte mEinung zu haben. Scheint aber in der THeorie sympathisch weil ich es asozial finde wenn eine Partei ihre Aufgabe definiert als "Unser Job ist es zunächst mal, immer dagegen zu sein."

Allerdings ist auch die Zusammenarbeit innerhalb einer Gruppe anders je nach Mitgliederzahl, so dass etwas was in der Schweiz funktioniert ohnehin in Deutschland nicht ginge wegen der hier dreifachen Anzahl an Abgeordneten.

ferdi schrieb:
Ist es nicht doch wenigstens ein bisschen dämlich, "aus Protest" eine Partei zu wählen, die mehr als alle anderen den eigenen Interessen schadet?

Ja, dass sieht man ja bei Trump auch stellenweise.

Aber ich glaube, es ist eine allgemeine Anti-Stimmung die die AfD nach oben bringt, kein Parteiprogramm.
Some people just want to see Berlin burn. Sozusagen.

Es gibt auch genügend Trump-Anhänger zum Beispiel die nicht an Programmen interessiert sind und die sogar den Frust der Republikaner mit ihrem eigenen Präsidenten als Erfolg wähnen.
Wenn nur alles in Washington wütend ist, ist das ein Erfolg. Die sollen auch mal wütend sein, die feinen Herren.
Ziel ist es, das vermeintliche Establishment anzukokeln. Aus Rache, weil man sich als vergessen betrachtet. Weil "die da oben" einen Denkzettel verdient haben.

Der Erfolg der AfD liegt im Bedienen von Ängsten und dem Wunsch nach Rache oder Rebellion. Es hat nichts mit dem Parteiprogramm zu tun.

Und - auch hier eine Parallele zu Trump - viele sehnen sich nach einer starken Hand. Einer der durchgreift. Anpackt. Klartext. Nicht so Reden und politische Korrektheit (auch so'n komisches Feindbild). Nein, zackig! Schneidig!
Dieser barsche Kläff-Sound ist es der ankommt. Hübsch etikettiert als "Klartext".

Bei allem was man - je nach Geschmack - an Angela Merkel mögen könnte, liegen aber ihre Stärken nicht darin, Leute emotional aufzufangen oder klare Parolen zu schmieden.
Sie geht mit Bedacht vor und verbreitet eher rationale Atmosphäre. Mit anderen Worten: sie ist bedächtig und logisch und dabei eher uninspirierend.

Das fängt aber die Sorgen-Stimmung vieler Leute nicht auf und ihre vorsichtiges Vorgehen lässt sie wenig markant und entscheidungsfreudig wirken.

Es ist also - meiner Ansicht nach - auch Angela Merkels strategische überlegte, etwas rational unterkühlte Betulichkeit die die Leute zur AfD treibt.

Ganz unabhängig von Inhalten.
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RE: Der Tag danach in Deutschland

*sigh*

Na jedenfalls ist die faschistoide Intoleranz der AfD intolerabel und muss bekämpft, nicht toleriert werden.
Wer das für eine Paradoxie hält, sollte sich Karl Popper zu Gemüte führen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Offene_Gesellschaft

Es zeichnet einen guten Demokraten eben *nicht* aus, zuzulassen, dass die Demokratie von offen demokratiefeindlich agierenden Parlamentarieren zerschossen wird.
Wenn es eine Lektion aus dem Ende von Weimar zu lernen gibt, dann diese.
WÄRE die AfD nur eine reaktionär-konservative Nationalstolz-Partei (so wie Meuthen die Chuzpe [ höhöhö ] hatte, in der Berliner Runde vorzugeben - Frau Kipping neben ihm prustete vor Lachen über soviel Dreistigkeit), sähe das anders aus. Ist sie aber nicht.

Um auch an den Anfang dieses Threads anzuknüpfen, möchte ich auch noch meiner Hopffnung Ausdruck verleihen, dass Jamaica besser hält, als man erwartet, und unter guten Demokraten *muss* das möglich sein. Auch wenn Seehofer dazu ein so langes Gesicht macht, dass seine Schuhe Besuch bekommen. Mit war das Gekuschel von Özdemir und Schäuble sowie Lindner immer sehr suspekt, aber wenn sie es hinbekommen - gut.
 
Vor kurzem habe ich gesehen, dass eine Decke vor meinem Amp lag. Es war 6:57 Uhr morgens. Ich habe sie weggezogen.
Alter, da ging die Sonne auf. Das klang, als hätte jemand eine Decke vorm Amp weggezogen.

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RE: Der Tag danach in Deutschland

ferdi schrieb:
a) Wie steht ihr zum Modell der Konkordanz-Demokratie (wie in der Schweiz), wo alle Fraktionen an der Regierungsarbeit beteiligt sind und eben *nicht* in Koalition/Opposition gegeneinander, sondern miteinander arbeiten?
https://de.wikipedia.org/wiki/Konkordanzdemokratie


Ein bisschen mehr davon würde ich mir hierzulande auch wünschen. Ich sehe die Tendenz, dass der politische Gegner mehr und mehr unversöhnlich als böser Feind betrachtet wird, und dass Kompromisse grundsätzlich negativ gesehen werden ("faule Kompromisse", "Kungelei"). Stattdessen wäre es förderlicher, anzuerkennen, dass das andere Lager auch grundsätzlich am Wohl aller interessiert ist, aber den Weg dorthin anders gehen will.
Davon ausnehmen würde ich aber ausdrücklich Parteien, die an einem Kompromiss nicht interessiert sind, da bin ich ganz bei Ferdi.
 
Ohne nichts läuft nichts, geschweige denn alles.

http://soundcloud.com/jenko-nashorn
https://www.facebook.com/Sproingg
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RE: Der Tag danach in Deutschland

Hallo Michael!

Danke für Deine ausführliche Kommentierung.

Ich habe nicht gesagt, dass man zu einer Auseinandersetzung zu zwingen ist– so verstehe ich die Aussage: „Niemand sollte zur "Auseinandersetzung" gezwungen werden. Ich zieh auf die Alm und bestelle alle Zeitungen ab. Oder nach Dresden, wo man früher kein Westfernsehen empfangen konnte. Dein Satz "es muss zwingend eine Bereitschaft...." ist sachlich und normativ falsch.

Es ist nicht falsch, dass zur Auseinandersetzung zwei (oder mehr gehören). Immer vorausgesetzt, sie sind dazu „bereit“. Lassen wir zwingend weg. Wenn einer nicht will, ist das sein gutes Recht. Das habe ich niemandem abgesprochen.

Das „ts-ts Professoren“ sehe ich genauso. Also, wenn damit gemeint sein soll, dass Aussagen von Professoren per se immer richtig sind, weil sie ja ein Professor gesagt hat. Das ist nicht so.
Die Erwähnung „Professor für…“ hat lediglich einen informierenden Wert – den man natürlich auch weglassen kann.

Der folgende Absatz, „Das sehe ich genauso.“ mit dem direkt angeschlossenen „Und deshalb…“, ist in der Tat wirr zusammengesetzt.

Nach dem Satz „Das sehe ich genauso.“ gehört ein Absatz. Weil er sich nur auf das Zitat bezieht.

Das anschließende „Und deshalb…“ ist eine blöde Formulierung. Zugegeben. Du hast völlig Recht, das hat der Herr Reinemann weder gemeint, noch gesagt.

Ich fasse meine Meinung zum Thema nochmal so zusammen:

In einer parlamentarischen Demokratie ist es keine unlösbare Katastrophe, wenn eine Partei wie die AfD im Parlament ist.
Zumal, wenn die Geisteshaltung, die diese Partei vertritt, Teil der Gesellschaft ist und Menschen mit dieser Haltung in der Vergangenheit von anderen Parteien „aufgefangen“ wurden. Kurz: es ist nicht neu, sondern war schon da.
Jetzt besteht die Gelegenheit sich mit der Partei sowie der Geisteshaltung in der parlamentarischen Auseinandersetzung zu befassen und dadurch sog. Protestwähler wieder „zurück zu holen“.
Ich habe auch ein bisschen Hoffnung, dass das gelingen mag.
Allerdings bin ich skeptisch(er), dass das so einfach gelingt, wie ich es aus einigen Beiträgen las.
(Und ganz persönlich ausgedrückt: ich empfinde es als schrecklich, dass die AfD im Bundestag ist. Rein emotional.)

In diesem Zusammenhang (mit Ausnahme meiner emotionalen Äußerung) fand ich den Satz von Herrn Reinemann interessant, weil er auch meine Sichtweise auf die AfD und ihre Anhänger & Wähler wiederspiegelt.

Es ist totaler Quatsch anzunehmen oder zu behaupten, dass früher die Leute besser zu erreichen waren. Das habe ich an keiner Stelle gesagt.

Zum Früher/Heute: Ich bin nicht der Meinung, dass sich ("die") Geschichte wiederholt. Aber ich bin der Meinung, dass es Muster gibt. Muster im Verhalten oder Ablauf, die sich wiederholen. Und vergleichbare Muster können durchaus zu einer vergleichbaren Entwicklung führen. Insofern verstehe meine Äußerungen nicht als direkten, zeitlichen Vergleich, nach der Devise: "Jetzt passiert wieder genau das, was schon mal passiert ist", sondern mehr als meine persönliche Wachsamkeit, die ich mir zugestehe. Auch wenn Du das - so verstehe ich Dich - als naive Sicht auslegst.

Nochmals Danke für Deine Kommentare, yeah!
 
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Zuletzt bearbeitet von Gitarada am 27.09.2017, insgesamt einmal bearbeitet
Verfasst am:

RE: Der Tag danach in Deutschland

Fein, prima, und yeah ebenfalls....

jetzt sind wir doch viel näher zusammengerückt - sage noch einer, dass keine vernünftigen Diskurse mehr möglich seien (und im Internetz schon gar nicht).....
Gitarada schrieb:
.... (Und ganz persönlich ausgedrückt: ich empfinde es als schrecklich, dass die AfD im Bundestag ist. Rein emotional.) ....

Hihi - das wurde deutlich, und es geht ja vielen so.

Was mich nervt, ist, dass der Diskurs weitgehend von Skandalisierungen geprägt ist, und ich glaube, die AfD-Gegner gehen den Rechten hier auf den Leim:

- Flüchtlinge, offene Grenzen, Rechtsbruch durch Eidbrecherin Merkel: Skandal!
- Schwulenehe: Skandal!
- Weihnachtsmarkt heißt jetzt Wintermarkt: Skandal

etc. - wäre eine lange Liste, wenn man sie fortsetzt. Deutlich wird aber, dass die Skandalisierung der Beförderung von Wut dienen soll und damit zu einem, wenn nicht *dem* wesentlichen Treiber von Politik wird.

(Hat als Nebeneffekt, dass der Skandalturbo immer weiter am Laufen gehalten werden muss, weil das Schwungrad sonst irgendwann einfach stehen bleibt. Sieht man am amerikanischen Präsidenten, sieht man ein bisschen in der Türkei, und das ganze Dritte Reich ist ebenfalls ein funktionierendes Beispiel: Wenn man einmal auf Wut setzt, muss man sich in der Skandalisierung fortwährend selbst übertreffen, bis man die wütende Bevölkerung dann irgendwann erfolgreich fragen kann, ob sie den totalen Krieg will. Das liefert übrigens auch eine Erklärung dafür, dass die Sachpolitiker in den etablierten Parteien so furchtbar unsexy und langweilig wirken, obwohl Höcke, Gauland und Kasperle v. Storch nun ja auch nicht gerade die Übercharismatiker sind....)

Jetzt sitzen die Wütenden im Bundestag, und die übrigen 87 Prozent schreien wütend: Skandaaaaaal! Uff. Muss das sein? Ist kein Skandal, genau wie die temporelle Grenzöffnung angesichts eines Flüchtlingsstroms in vielen Teilen Europas keiner war etc.

Auge hat geschrieben, dass unsere österreichischen Nachbarn seit Jahren die FPÖ haben. Gefällt mir vielleicht nicht, aber sie repräsentieren halt einen Teil der Bevölkerung. Wie hier. Wie in Frankreich, Holland, Italien etc. Je weniger "singulär"-"beonders"-"skandalös" diese Entwicklung betrachtet und dargestellt wird, desto gerechter wird man ihr.

Aber dummerweise generiert die Skandalisierung Klicks, Zeitungsverkäufe, Auflagen und damit Geld. Am allermeisten generiert sie jedoch die Normalisierung von Wut, und das hilft nur den Wütenden.

Yeah nochmal,
M.
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RE: Der Tag danach in Deutschland

Michael (Jacuzzi) schrieb:
Auge hat geschrieben, dass unsere österreichischen Nachbarn seit Jahren die FPÖ haben. Gefällt mir vielleicht nicht, aber sie repräsentieren halt einen Teil der Bevölkerung. Wie hier. Wie in Frankreich, Holland, Italien etc. Je weniger "singulär"-"beonders"-"skandalös" diese Entwicklung betrachtet und dargestellt wird, desto gerechter wird man ihr.

M.


Die FPÖ ist aber leider in der Gesamtbetrachtung ein einziger Skandal:
- ständige Probleme mit ewiggestrigem Gedankengut und Gewaltdelikten (aka "der tägliche Einzelfall"), z.B. heute wieder Ausschluss eines Tiroler Funktionärs wegen eindeutiger Devotionalien - natürlich erst nach Presseberichten)
- rund 21 Milliarden (! - mehr als das gesamte Bildungsbudget Österreichs pro Jahr) Verlust der Kärntner Hypobank durch dubiose Transaktionen, um die Hofhaltung des Kärntner Sonnenkönigs J. Haider zu finanzieren, im Nebenberuf Finanzgenie.
- im Zuge der Schwarz-blauen Regierungskoalition Korruptionsskandale (Affäre Rosenstingl), offen inkompetente Minister (Gorbach, Haupt, Sickl, Forstinger etc. pp.) und gerichtlich festgestellte Unzurechnungsfähigkeit im Amt (Dörfler)
- die Liste lässt sich beliebig lang fortsetzen.

Daher schlage ich folgende Differenzierung vor: das Wahlergebnis an sich ist noch kein Skandal. Die Performance der AfD bzw. FPÖ kann und muß gegebenenfalls aber als das bezeichnet werden, was es ist. Und klare Straftatbestände sind nicht zu diskutieren, noch werden sie durch Zustimmung bei Wahlen für solche Gruppierungen legitimiert.

Just my 2c. Lg, aus dem Süden.
 
Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem...
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RE: Der Tag danach in Deutschland

Sind denn, powerslave, diese FPÖ-Skandale nicht geeignet, um die Attraktivität dieser Partei in den Augen der Wähler wenigstens zu reduzieren?

Oder ist es so, wie ich groby verstanden habe - die Rechten werden sowieso "aus Wut", "aus Protest", aus destruktiver Motivation gewählt, um es "denen da oben" mal so richtig zu zeigen, ganz egal, als wie inkompetent sich die Rechtspopulisten erweisen? Dann nämlich läge mir das Wort "dämlich" in Bezug auf die Wähler doch wieder auf der Zunge.
 
Vor kurzem habe ich gesehen, dass eine Decke vor meinem Amp lag. Es war 6:57 Uhr morgens. Ich habe sie weggezogen.
Alter, da ging die Sonne auf. Das klang, als hätte jemand eine Decke vorm Amp weggezogen.

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Re: Der Tag danach in Deutschland

juergen2 schrieb:
Die 4 Millionen Protestwähler aber sind m.M.n. keine Fans; das sind Verunsicherte mit diffusen Ängsten oder Nachplapperer die sich anscheinend keinen anderen Rat wussten als dann hier Extreme zu wählen.

Michael


Imho sind es genau diese Protestwähler (ich bin ja kein Nazi, aber......), die man mit Sachargumenten und einer entschieden besseren politischen Arbeit wieder einholen muss.

Den HardCore-AfD-FanBoy kriegste nicht. Aber die anderen.

Die, die sich wirtschaftlich abgehangen fühlen (in wirtschaftsschwachen Gebieten, die es viel im Osten, aber auch im Westen gibt)
Die, die sich kulturell abgehangen fühlen, weil sie sich mit kosmopolitischen Ideen schwer tun (wobei ich da schon mal gar nicht weiß, wie das gehen soll, aber ich bin ja auch nicht der Alleswisser)
Und die, die gefühlte, aber irrationale Ängste haben (wie zB Überfremdung in einer Region mit 0,6% Flüchtlingen)

Das ist nicht einfach, aber wenn unsere politische Elite das nicht schafft, dann werden das in vier Jahren mehr als 6 Millionen sein.
 
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www.youtube.com/muelrichmusic
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Re: Der Tag danach in Deutschland

Max schrieb:
Sorry aber, ein Afd Wähler ist entweder dumm oder ein Arschloch, im Zweifel beides.


Das habe ich bis dato auch immer propagiert. Das bringt uns aber nicht weiter.

Im Zweifelsfalle kommt der AfD-Wähler aus der DDR, ist - wie auch immer - Wendeverlierer, sieht seine Heimat den Bach runter gehen (ich lebe seit 22 Jahren hier und jedes Jahr kann ich aufzählen, was es in dieser Stadt nun jetzt auch nicht mehr gibt: Kino, Motorradhändler, Fischladen .......) und ist soziokulturell eher konservativ und keinesfalls multikulti.
Das letztere kann man alles shice finden. Aber wenn Du dem sagst: Du bist shice hört der Dir ab Satz 2 nicht mehr zu.

Die Politik muss diesen Menschen eine wirtschaftliche Perspektive geben, weil wirtschaftliche Sicherheit schon mal der erste Grundpfeiler gegen extreme Meinungen ist und dann aufklärend tätig werden, dass der Ausländer nicht per se kriminell ist ... usw....
 
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Re: Der Tag danach in Deutschland

muelrich schrieb:
Die Politik muss diesen Menschen eine wirtschaftliche Perspektive geben, weil wirtschaftliche Sicherheit schon mal der erste Grundpfeiler gegen extreme Meinungen ist und dann aufklärend tätig werden, dass der Ausländer nicht per se kriminell ist ... usw....


Hugh!
 
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Alter, da ging die Sonne auf. Das klang, als hätte jemand eine Decke vorm Amp weggezogen.

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RE: Der Tag danach in Deutschland

Im Neoliberalismus ist nicht der Staat zuständig, sich um das Wohl der Bürger zu kümmern sondern der Bürger selber.
Wer eine Eisdiele im Dorf haben will muss ggf. selber eine aufmachen. Wer eine Party haben will muss evtl. selber eine organisieren. Wer Geld verdienen will muss entsprechend dafür arbeiten. Aktives Handeln statt passives Nutzen. Sich selbst aus dem Dreck ziehen statt zu warten, dass das jemand anderes macht.

In dieses System hat sich Deutschland und im Prinzip der Großteil der Welt entwickelt. Der Stärkere gewinnt, der Schwächere hat das nachsehen. Die "soziale Marktwirtschaft" wird seit Jahren trotz Verankerung im Grundgesetz doch nicht mehr gelebt. BWLer sagen einem klar in das Gesicht, wir hätten hier in Deutschland eine freie Marktwirtschaft. Das ist die Realität: Neoliberalismus, Globalisierung und sozialer Darwinismus.

Die Verlierer dieser Entwicklung haben jetzt aber eine Anzahl erreicht, mit der man auf sich aufmerksam machen kann. Sei es durch politische Aktionen oder durch Terrorismus.

Was jetzt kommen muss ist aus meiner Sicht eine Rückbesinnung zur sozialen Marktwirtschaft, eine Rückverteilung des Kapitals von den ganz Reichen zu den anderen und Anreize für jeden, sich aus der misslichen Lage selber zu befreien. Und gleichzeitig brauchen wir aber auch Zuwanderung, da die Deutschen ja kaum Kinder kriegten in den letzten Jahrzehnten und alle Sozialsysteme/Versicherungssysteme zusammenbrechen, wenn nicht von Außen Zuwanderung kommt. Wer soll die Alten denn in 20-40 Jahren pflegen?

Das Ganze geht mit einer Leitkultur basierend auf Toleranz und Nächstenliebe. Allen gegenüber.
 
"Wir essen jetzt Opa!" - Interpunktion rettet Leben!
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RE: Der Tag danach in Deutschland

ferdi schrieb:
Sind denn, powerslave, diese FPÖ-Skandale nicht geeignet, um die Attraktivität dieser Partei in den Augen der Wähler wenigstens zu reduzieren?

Sie sind dann schon bei den nächsten Wahlen wieder implodiert. ABER: Jetzt ist das ganze noch nicht einmal ein Jahrzehnt her, ein paar neue Gesichter, die alten Slogans, ein wenig Verschwörungstheorien ("wir waren und sind arme Opfer. Und diese Hetze..." - Herr Karl lässt grüßen) und ganz viel "die anderen haben ja auch und wir waren eigentlich gar nicht schuld" und voila: um die 30 % in den Umfragen. Platz 1 ist wahrscheinlich nur deshalb nicht möglich, weil Kurz in CSU Manier mit der ÖVP (die jetzt "Liste Kurz" heisst) so weit nach rechts gerückt ist, dass HC Strache außer "das ist ja eigentlich eine Idee von uns" momentan nicht viel einfällt. Dummheit oder Ignoranz (oder beides), ich weiß es nicht. Es ist mir im Grunde auch egal, ich verachte beides. Und die Alt-Nazis sowieso (die hatten in Ö aber schon immer das Potential von ca. 5%). Die Führungsriege besteht demnach auch zu 70 Prozent aus deutschnationalen Burschenschaftern.

uwich schrieb:
In dieses System hat sich Deutschland und im Prinzip der Großteil der Welt entwickelt. Der Stärkere gewinnt, der Schwächere hat das nachsehen. Die "soziale Marktwirtschaft" wird seit Jahren trotz Verankerung im Grundgesetz doch nicht mehr gelebt. BWLer sagen einem klar in das Gesicht, wir hätten hier in Deutschland eine freie Marktwirtschaft. Das ist die Realität: Neoliberalismus, Globalisierung und sozialer Darwinismus.

Die Verlierer dieser Entwicklung haben jetzt aber eine Anzahl erreicht, mit der man auf sich aufmerksam machen kann. Sei es durch politische Aktionen oder durch Terrorismus.


Die Skurrilität liegt darin, daß die FPÖ, so man ihr Wirtschaftsprogramm ernst nimmt, die Interessen Ihrer Wähler eben NICHT vertritt. Sozialabbau, Kürzung der Mindestsicherung, gegen Erbschaftssteuer, Flat Tax, "Leistung soll sich wieder lohnen" etc. man könnte meinen, sie hätten sich von Trump beraten lassen (hier auch die Analogie zu seinen Wählern im Rust Belt).
 
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