Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

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Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

Moinsen,

ich lebe nun seit über 60 Jahren im Ruhrgebiet. Gestern war ich auf einer Lesung "Strukturwandel im Ruhrgebiet" eines Hamburger Journalisten. In der Diskussion mit dem Publikum nahm die Frage der Mentalität der Menschen einen (zu) großen Raum ein. Da ich selbst diese Region "nur" als Insider kenne, fällt es mir schwer zu erkennen, ob es wirklich deutliche Unterschiede zu anderen Regionen gibt, oder ob gestern nur alte Klischees aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zitiert wurden.

Habt Ihr so etwas erlebt: Ticken die Menschen im Ruhrgebiet tatsächlich anders? z. B. meinte der Buchautor: in Hamburg dauert eine Vertragsverhandlung 90 Min, wenn man meint, dass die fachliche Qualifikarion stimmt, dann ist der Vertrag perfekt. In Dortmund dauert das gleiche Gespräch mindestens 4 Stunden + viel Rotwein: wenn man meint, der Charakter stimmt, dann ist der Vertrag perfekt.
Danke für eure Posts
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RE: Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

Hi,

ich: Kohlenpott born and raised!

Als ich von zu Hause ausgezogen bin, war ich ein paar Jahre in Berlin, heute lebe ich in Ostwestfalens größter Stadt, aber das mittelfristige Ziel ist wieder der Kohlenpott.

Ich habe also längst nicht alle Vergleichsmöglichkeiten, aber ein bisschen was mitbekommen. Ich habe schon den Eindruck, dass sich die Mentalitäten unterscheiden. Es sind so die feinen Unterschiede, wie miteinander umgegangen wird - und zwar gerade mit denjenigen, die man nicht persönlich kennt.

Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass das Ruhrgebiet und seine Bewohner viel dafür tun, die Folklore über ihre Einzigartigkeit möglichst breit zu treten und aufrecht zu erhalten. Das wundert mich allerdings kaum, wenn man bedenkt, dass viele Menschen im Ruhrgebiet nicht unbedingt auf der Siegerstraße fahren und der Strukturwandel längst nicht für alle die Lebensbedingungen verbessert hat. Wo Kohle, Stahl und Bier nicht mehr identitätsstiftend sind, wird die Einzigartigkeit dann halt aus anderen Faktoren konstruiert.

So stark, wie über Unterschiede zu anderen Regionen geredet wird, sind diese wahrscheinlich längst nicht. Sie reichen aber in meinem ganz subjektiven und wahrscheinlich ebenfalls verklärten Empfinden soweit, dass ich mich nirgends wohler gefühlt habe, als da. Ob das dann letztlich an der Mentalität der Leute liegt, lässt sich schwer beantworten. Wenn man so etwas wie eine Mentalität empirisch untersuchen kann (was wohl geht, aber sehr aufwändig wäre), wären die Ergebnisse wahrscheinlich nicht so eindeutig, wie der Kohlenpottler sie vorher angenommen hat und auch immer kommuniziert.

Kurz: Mentalität ja, Unterschiede ja, aber wahrscheinlich nicht so extrem, wie Stereotype das gern behaupten.

Glück auf!
 
"Ein Lothar Matthäus hat es nicht nötig, von sich in der dritten Person zu sprechen." (Lothar Matthäus auf die Frage bei einer Pressekonferenz, warum er öfter von sich in der dritten Person spreche)
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RE: Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

Ich habe in drei unterschiedlichen Ecken Deutschlands gelebt und finde all das Gehype darum, dass die Menschen hier (wo immer "hier" dann gerade auch ist) aber ein ganz besonderer Menschenschlag seien, extrem überbewertet.

Gleiches für das Wort "Mentalität" nur weil man in Hamburg eher etwas unprätentiöser ist als in Dortmund.

(Das kann ich allerdings durchaus nachvollziehen, sagt aber eher was über Hamburg als über Dortmund.)

Zudem sind die heranwachsenden Generationen in ihrer Kultur und ihrer Lebenseinstellung eher etwas globaler oder zumindest überregionaler geprägt und meist nicht ganz so vermuffte lokale gemünzte Gestalten. Vieles an eventuell feststellbaren Unterschieden wächst etwas raus, bzw. relativiert sich dann.
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RE: Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

groby schrieb:
Ich habe in drei unterschiedlichen Ecken Deutschlands gelebt und finde all das Gehype darum, dass die Menschen hier (wo immer "hier" dann gerade auch ist) aber ein ganz besonderer Menschenschlag seien, extrem überbewertet.

Gleiches für das Wort "Mentalität" nur weil man in Hamburg eher etwas unprätentiöser ist als in Dortmund.

(Das kann ich allerdings durchaus nachvollziehen, sagt aber eher was über Hamburg als über Dortmund.)

Zudem sind die heranwachsenden Generationen in ihrer Kultur und ihrer Lebenseinstellung eher etwas globaler oder zumindest überregionaler geprägt und meist nicht ganz so vermuffte lokale gemünzte Gestalten. Vieles an eventuell feststellbaren Unterschieden wächst etwas raus, bzw. relativiert sich dann.

Ich sehe es nicht ganz so.
Zu Details im Pott kann ich nichts sagen, aber die Unterschiede sind schon quer über das Bundesgebiet sehr deutlich.

Ein klitzekleines Beispiel: Hier, Rheinhessen - Mainz & Hinterland, setzt man sich gerne zu anderen am Tisch in der Straußwirtschaft, der Kneipe, im Restaurant. "Is bei Eusch no e Plätzje frei" wird idR mit "Ei sischer, waddemol, mer rigge schnell beienanner" beantwortet, und schwupps wird auch miteinander geratscht. Da schauen einen Gäste aus anderen Regionen der Republik schon mal ungläubig an. Ich habe das eben auch anderswo schon erlebt, dass man auf die Frage, ob man sich am Tisch dazusetzen könnte, erstaunt angeschaut wird.

Egal wie & was, das macht aber eine bunte Gesellschaft auch aus! Jeder darf gerne so sein wie er will, solange es keinem schadet.
 
Grüße DeLüXe vom Rolf
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RE: Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

Ich würde es so formulieren: Ja, es gibt zumindest tendenziell gewisse Eigenarten, die regional der Bevölkerung zugeschrieben werden können.

Deren Intensität unterscheidet sich aber mitunter massiv zwischen dem Klischee / der externen Wahrnehmung und Erwartung und der Realität.

Es gibt in Bayern sicherlich diverse Menschen, die für ihr Leben gern Haxen, Weißwürste und Bier aus großen Gläsern konsumieren und dabei seltsame Laute von sich geben.
In der Realität wird dieses Bild aber kaum als bestimmendes Merkmal für den typischen Bayern anwendbar sein.
Ebenso vermute ich, dass im Saarland deutlich weniger Schafe gebumst werden, als der Böhmermann es suggeriert.


(Die eigene Schwester riecht halt weniger streng.)
 
Gruß & Grooves,
Andreas
--

Tu Deinem Admin was Gutes.
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RE: Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

Banger schrieb:
(Die eigene Schwester riecht halt weniger streng.)


Das mit den Schafen waren die Schotten, deswegen haben die doch Kilts an...
 
"Any organized sound I consider to be music. Could be music if it was well organized, depends on the organizer."
(Malcolm Cecil)

"If you love music, sell Hoovers or be a plumber. Do something useful with your life."
(Robert Fripp)

"The more we have a disrespectfull attitude towards our egos I think the happier life becomes!"
(John Cleese)
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RE: Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

Mein norwegischer Freund sagte mir mal auf die Frage, was aus seiner Sicht denn typisch deutsch sei:

"Typisch für die Deutschen ist, dass sie wissen wollen, was typisch deutsch ist."
 
"Wir essen jetzt Opa!" - Interpunktion rettet Leben!
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RE: Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

gitarrenruebe schrieb:
Ein klitzekleines Beispiel: Hier, Rheinhessen - Mainz & Hinterland, setzt man sich gerne zu anderen am Tisch in der Straußwirtschaft, der Kneipe, im Restaurant. "Is bei Eusch no e Plätzje frei" wird idR mit "Ei sischer, waddemol, mer rigge schnell beienanner" beantwortet, und schwupps wird auch miteinander geratscht. Da schauen einen Gäste aus anderen Regionen der Republik schon mal ungläubig an. Ich habe das eben auch anderswo schon erlebt, dass man auf die Frage, ob man sich am Tisch dazusetzen könnte, erstaunt angeschaut wird.

Egal wie & was, das macht aber eine bunte Gesellschaft auch aus! Jeder darf gerne so sein wie er will, solange es keinem schadet.


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RE: Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

Da hier Gitarrenforum, musikalische Antwort.
Letztens hier in Berlin live gesehen. Toll! Kann ich empfehlen. Hat großen Unterhaltungswert.

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RE: Gibts eine "Ruhrgebietsmentalität"?

Wenn man allen Steretypen dieser Welt Glauben schenken würde, dann wären wir ja schon längst alle zu einem höchst ignoranten Volk geworden. Anstatt den Fokus darauf zu legen, was uns voneinander unterscheidet, sollten wir vielleicht lieber die Gemeinsamkeiten wertschätzen.
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