...und auf einmal stehst du neben dir

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...und auf einmal stehst du neben dir

Hallo!

Manchmal merkt man eine Millisekunde, nachdem man etwas getan hat, dass das wirklich gar keine gute Idee war. Das ist mir bei einem Hochzeitsgig passiert. Hochzeitsgigs sind anspruchsvoller als man erst denkt. Es ist für zwei Menschen vielleicht der wichtigste Tag in ihrem Leben. Das Publikum ist leise und hört auch noch zu. Es fliegen Emotionen durch die Luft. Einspielen ist nicht, drei oder vier Songs müssen auf den Punkt geliefert werden. Und Fehler werden nicht nur gehört, das Publikum wird sich immer daran erinnern...

Normalerweise spielen wir sowas im Trio. Unsere Pianistin fiel allerdings aus und - man höre und staune - das Brautpaar wünschte sich ausdrücklich Gitarre und Gesang. Also setzten meine Sängerin und ich uns zur Probe zusammen und arrangierten. Alles lief gut, wir freuten uns auf den Gig.

In der Kirche stellte sich heraus, dass wir auf eine Empore konnten. Das liebe ich! Ich kann gemütlich sitzen, werde nicht gesehen, kann meine Aufzeichnungen um mich rum verteilen, mich zwischendurch im Schritt kratzen und meistens klingt es von oben auch noch gut. Das kleine Besteck war schnell aufgebaut, der Sound grandios. Alles prima.

Die ersten zwei Songs liefen perfekt. Schöne Dynamikvarianten, Sängerin gelöst und konzentriert, Kommunikation beim Spielen - wir sind richtig schön drin und ja, es gibt nur noch uns und die Musik. Unten wird auch geweint, das muss bei einer Hochzeit so sein. Das Leben ist schön.

Als letzter Song war Hallelujah gewünscht. Natürlich fangen wir leise an, wurden etwas lauter, ich wechsele vom Picking auf die "Aktentasche". Alles gut. Nun ist dieser Song ja nicht so ganz kurz, daher hatten wir für eine Strophe beschlossen, wieder ganz leise und emotional zu werden. Das kommt meistens ganz gut.

Also spiele ich diese Strophe wieder leise und zart. Die Stimme der Sängerin kommt laut, klar und wunderbar verständlich rüber. Und das war der Moment, in dem ich mir am liebsten die Gitarre vor die Stirn gehauen hätte. Es kam nämlich folgende Strophe:

Well, maybe there's a god above
But all i've ever learned from love
Was how to shoot somebody who outdrew you
It's not a cry that you hear at night
It's not somebody who's seen the light
It's a cold and it's a broken hallelujah

In einer Kirche. Bei einer Hochzeit. Na prima. Okay, das Brautpaar wollte den Song haben, nicht wirklich unser oder mein Fehler aber - fuck. Und die Strophe jetzt auch noch so richtig prägnant rausgespielt, dass jedes verdammte Wort extrem gut zu hören war.

Nach der zweiten Zeile war ich raus aus der Nummer. Nein, nicht verspielt. Kein falscher Ton, immer noch rhythmisch absolut exakt aber ich spielte, fühlte, lebte den Song nicht mehr sondern spielte "nur noch" Gitarre. Meine Sängerin merkte es sofort, sah mich etwas kritisch an, wir brachten das technisch sauber zu Ende. Später merkte meine (ebenfalls auf der Empore anwesende) Frau an, dass sie unser emotionales Stocken auch gemerkt hatte. Wie gesagt - nicht verspielt, nicht verschlampt, nicht versaubeutelt - nur der emotionale Faden war gerissen.

Nächstes Mal bereite ich mich besser vor...

Gruß

erniecaster
 
Ziegenkäse ist Rassismus!
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Hallo Ernie,

vor vielen Jahren war ich auf der Hochzeit eines Freundes und Bandkollegen. Zu der Zeit war ich noch relativ frisch im Rheinland und bis dato nur das rustikalere Format aus dem Sauerland gewohnt.

So traf ich hinsichtlich der Abendgarderobe die Entscheidung, mich mit einem anständigen Hemd und einer Jeans zu bekleiden. (Im sauerländischen Schützenhallenhochzeitsambiente sah ich schon Shorts und T-Shirt, frei nach dem Motto "Hauptsache sauber!".)

Infolge dessen stand ich als einziger Mann ohne Anzug auf der Feier, die doch etwas feiner ausfiel, als von mir gewohnt.
Zu allem Überfluss tropfte mir beim Essen unbemerkt etwas Currysauce auf das Hemd, und auf allen Bildern der Feier, die ich gesehen habe, bin ich der Typ mit dem weißen Hemd, ab 20 Uhr mit Currysaucenfleck.

Daran habe ich ehrlich gesagt eine Zeit lang 1 wenig geknabbert, vong Schamgefühl her.

Letztens gab es den Anlass, dass ein andere Freund und ehemaliger Bandkollege heiratete. Beim Plausch zwischen Trauung und Abendprogramm fasste ich mir ein Herz und offenbarte der damaligen Braut meine Schmach.

Die Antwort passt, glaube ich, gut zu Deinem Problem: Außer mir isses keinem wirklich aufgefallen und hat keinen gestört.
 
Gruß & Grooves,
Andreas
--

Tu Deinem Admin was Gutes.
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

schau....das ist der Unterschied zwischen uns....
mir wäre das mit dem Text nicht mal aufgefallen...
und deshalb hätte ich den "emotionalen Knackser" nicht gehabt (wobei es eher für dich spricht).

Vielleicht bist du einfach etwas "zu sensibel"... und zu wenig abgebrüht.
Ich gebe Banger in diesem Punkt vollkommen Recht, außer euch ist das sicher keinem aufgefallen und das Brautpaar hat sich den Song gewünscht.

Trotzdem danke für die schön geschilderte Geschichte, liest sich gut.
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Hi there,

ich glaube auch, dass hat keiner gross gemerkt, ausser vielleicht deinen Leuten da. Und abgesehen davon: Texte, wenn sie auch noch in einer Fremdsprache sind, interessieren einfach keine Sau. Auf meiner Hochzeit hat mein bester Freund "Fuck her Gently" von Tenacious D gesungen, hat auch keiner kommentiert und niemand, wirklich niemand würde sich "If you don`t know me by now" als Hochzeitswalzer wünsche, wer er raffen würde, worum es eigentlich in dem Song geht. Es geht sogar so weit, dass Leute guten vom schlechtem Gesang meistens nicht wirklich unterscheiden können. Das ist halt so, macht vieles auch einfacher. Ich bin kein Fan von Hochzeitsgigs, wenn sie nicht so gut bezahlt wären, würde ich nie wieder einen spielen, viel zu viel Firlefanz.
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Ich bin mir auch recht sicher, dass die meisten Gäste - und erst recht das Brautpaar - mit den Gedanken ganz woanders waren, als beim Text des Liedes.

Abgesehen davon sind auch erstaunlich wenig Mitmenschen der englischen Sprache wirklich mächtig und interessieren sich nicht sonderlich für Texte.

Ich habe auf Hochzeiten auch schon "What's love got to do with it?" gehört...
 
Ein Onkel, der Gutes mitbringt, ist besser als eine Tante, die nur Klavier spielt.
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Hallo,

ich bin auch davon überzeugt, dass es keiner gehört hat.

Mich ärgert viel mehr, dass mich das so rausgebracht hat.

Gruß

erniecaster
 
Ziegenkäse ist Rassismus!
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Im Nachhinein liebe ich solche Momente!
Das meine ich ernst. Daran wirst du dich auf ewig erinnern können. Und ich finde sogar, dass sowas doch auch ein Stück die Musik ausmacht - eben nicht perfekt zu sein.
Es ist wie mit meiner Lieblingsgitarre. Eine schönes Les Paul Custom. Hat bei einem Gig schön mein Mitgitarrist auf der engen Bühne mit seiner Kopfplatte in einem unachtsamen Augenblick einen kleinen Krater in die Deckenlackierung gehauen. Sieht so gar nicht nach diesem "standard-aging" aus. Jaaa es ist echtes Aging und mittlerweile liebe ich diese Macke, weil sie Zeichen der Lebendigkeit ist … obwohl ich mich in dem Moment extrem tierisch darüber geärgert habe. Aber ich weiß genau wo sie herkommt und vergesse das nie

Ich hatte auch mal einen ganz ähnlichen Moment, auch auf einer Hochzeit. Ich musste ziemlich kurzfristig einen Kumpel an der Gitarre für den Auftritt in der Kirche ersetzen und war demnach sehr mäßig mit dem Song und der Sängerin vertraut. Ich hatte dann nebst Begleitung dann eine Strophe Solo zu singen. Und obwohl alle Proben super liefen, bin ich in dem Moment in der Zeile verrutscht. direkt 2. statt 1. Zeile. Mir gefror sprichwörtlich das Blut im Schädel. Ich dachte die ganze Nummer fliegt jetzt um die Ohren und wir müssen unterbrechen, von neu anfangen, etc. Tja ich blieb cool, ließ mir nix anmerken, was soll jetzt noch passieren, also einfach die 1. Zeile hinterhergesungen und schon gings weiter. Das ergab zwar inhaltlich null Sinn … aber glaube mir … NIEMAND hört genau auf den Text. Solange man Selbstsicherheit ausstrahlt und den Song weiterspielt ist alles gut.

Long live rock'n'roll
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

michabekman schrieb:
… aber glaube mir … NIEMAND hört genau auf den Text.)


Da bin ich alleine schon deswegen anderer Meinung, weil ich just diesen Text mehrfach in Bands, mit Freunden und im Unterricht diskutiert habe.

Das Lied gehört mit zu den schönsten, die ich kenne. Weshalb ich wissen wollte, ob ich mir den Text zueigen machen, bzw. zumindest ohne mieses Gewissen singen kann.

Um dann die Komplexität, die beiden unterschiedlichen Textvarianten, etc. zu realisieren; bis heute denke ich über diese Nummer nach.

Allein das ist ein enormer Wert!!!

michabekman schrieb:
Solange man Selbstsicherheit ausstrahlt und den Song weiterspielt ist alles gut.


Aber sowas von!!!

Schöne Anekdoten hier übrigens.

Lieben Gruß in die Runde,

Batz.
 
EGAL, WIE DICHT DU BIST - GOETHE WAR DICHTER!
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Hi,
wir haben auch schon Dutzende Hochzeiten begleitet. Sei es in der Kriche oder auch im Abendprogramm.
Ich glaube, so viele Leute hören gar nicht auf den Text. Wie übrigens auch ich, aber ich bin ja Gitarrist

Auf jeden Fall ist der Klassiker bei uns "If you don't know me", was ja schon angesprochen wurde.

Aber auch Love of my life von Queen kam schon vor...da musst sogar ich mir an den Kopf greifen: "Love of my life you've hurt me
You've broken my heart and now you leave me"

Ich glaub es geht um mehr, als nur den Text. Es geht darum, Stimmung und Emotion zu vermitteln, und das funktioniert bei uns meist sehr gut und stellt den Großteil der Anwesenden bei einer Hochzeit zufrieden!
 
_________________________________
Die wahre Musik steht nicht in den Noten
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Ich teile deine Einschätzung des Spielens auf einer Hoichzeit vollkommen..genau so erlebe ich das auch-man muss auf den Punkt TOPleistung abliefern!!!:
Aaaber: Wenn nicht anders gewünscht- das kann man ja auch im "Verkaufsgespräch versuchen zu besprechen- singeen wir nur deutsch...und bieten unsere eigenen Songs an...ebenfalls auf deutsch...das hat schon sehr oft sehr gefallen!
 
Der Teufel ist ein Eichhörnchen!
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Moin,

Hier, ich, ich höre sowas

Dann verrechne ich das mit den Panzern Patzern, die ich typischerweise in einem Lied unterbringe, und halte schööön meinen Mund...



Ciao
Monkey

P.S.: ich spiele keine Hochzeiten. Aus Prinzip fragt mich keiner an...
 
D'oh!

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Mixercase mit Aufsteller extra tief!
Behringer graphischer EQ 3102


Zuletzt bearbeitet von Monkeyinme am 21.10.2016, insgesamt einmal bearbeitet
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Da lobe ich mir den Gig, den ich mit einem Akustiktrio nebst Text-Übersetzer für Gebärdensprache in einem Heim für Gehörlose hatte.

Nochmal weil es so schön klingt:

Ein leises Akustikkonzert in einem Heim für Gehörlose.

Zum Schluss wurde viel Beifall gewunken, denn Gehörlose klatschen nicht, sie winken. Es gab sozusagen nicht-tosenden Applaus.

Man könnte sagen, der Gig war entspannt und - Achtung, Superwitz jetzt - unerhört gut.
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Monkeyinme schrieb:
Moin,

Hier, ich, ich höre sowas

Dann verrechne ich das mit den Panzern, die ich typischerweise in einem Lied unterbringe, und halte schööön meinen Mund...



Ciao
Monkey

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Kein Wunder, wenn du auch ständig von Panzern singst....
 
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Tomcat schrieb:
Monkeyinme schrieb:
Moin,

Hier, ich, ich höre sowas

Dann verrechne ich das mit den Panzern, die ich typischerweise in einem Lied unterbringe, und halte schööön meinen Mund...



Ciao
Monkey

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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Monkeyinme schrieb:
Tomcat schrieb:
Monkeyinme schrieb:
Moin,

Hier, ich, ich höre sowas

Dann verrechne ich das mit den Panzern, die ich typischerweise in einem Lied unterbringe, und halte schööön meinen Mund...



Ciao
Monkey

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Blöde Autokorrekter...


Junge, ich brech' durch...!!!

War mit Panzern soooo viel lustiger...!!!

Schönes Wochenende,

Batz.
 
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Batz Benzer schrieb:
Monkeyinme schrieb:
Tomcat schrieb:
Monkeyinme schrieb:
Moin,

Hier, ich, ich höre sowas

Dann verrechne ich das mit den Panzern, die ich typischerweise in einem Lied unterbringe, und halte schööön meinen Mund...



Ciao
Monkey

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Kein Wunder, wenn du auch ständig von Panzern singst....


Blöde Autokorrekter...


Junge, ich brech' durch...!!!

War mit Panzern soooo viel lustiger...!!!

Schönes Wochenende,

Batz.


Das mit den Panzern ist doch schon sooo lange her, damals, mit den Blumen im Haar und den Schlaghosen...
 
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RE: ...und auf einmal stehst du neben dir

Immer wenn du glaubst, es geht nicht schlimmer...fällt mir dazu nochwas ein:
vor rund einem Jahr habe ich mit einer kleinen unplugged-Version meiner Coverband bei einem Flüchtlingscafe gespielt. Schöne Veranstaltung, fast ausschließlich muslimische Flüchtlinge aus Irak, Syrien und Afghanistan, hoher Frauenanteil. Und wir? Spielen "Like a virgin". Ups. Und dann noch "Locked out of heaven", mit der wunderbaren, immer wieder kehrenden Zeile "Cause your sex takes me to paradise, cause your sex takes me to..."
Achduscheisse. War uns das peinlich. Gesagt hat niemand was, komisch geguckt wohl auch nicht, aber da hofft man dann inständig, was man sonst immer fürchtet: nämlich daß sich bitte bitte kein Mensch für die Band interessiert haben möge...
 
Gruß
Markus


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