Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

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Interessiert euch so ein Sammelsurium von Live-Erlebnissen?

Na klar!
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Och, nö...
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Stimmen insgesamt: 25
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Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Wie einige hier ja vielleicht wissen, spiele ich in einer Coverband mit dem originellen Namen „online“, die Rock, Pop, Soul und Party-Music macht (früher konnte ich einfach "eine Top40-Band" schreiben, aber seit einigen Jahren selektieren wir stark und spielen nur noch solche Chart-Songs, die uns richtig gut gefallen. Okay, "Atemlos" muss dann auch mal sein, aber sonst halt…;).
Auges Blog gefiel ja den meisten hier recht gut, und nachdem er mich drauf angesprochen hatte, ob ich nicht auch mal was berichten wollte und einige andere mich ebenfalls ermutigt haben, habe ich jetzt beschlossen, das mal zu tun. Ich möchte hier also von Zeit zu Zeit immer wieder mal was aus unserer musikalischen Praxis berichten, sei es Technik und wie wir sie einsetzen, interessante Begebenheiten bei Gigs, besondere Projekte usw. Vermischtes eben. Nicht, weil ich mich da als Vorbild oder so was profilieren will (gitarrentechnisch gäbe es dafür auch keinen Anlaß), eher weil ich denke, es interessiert vielleicht manche so wie es mich auch bei anderen interessiert. Wenn Euch was nervt, sagt es mir bitte ;)
Da ich noch nicht so genau weiß, was Ihr lesenswert findet, wäre ich Euch auch dankbar, wenn Ihr ruhig auch schreibt: "Berichte doch mal mehr hierzu" oder "Bitte weniger Details dort, das langweilt" oder so. Ich gehe dann gern darauf ein.

Anfangen will ich mal mit einer kurzen Vorstellung. Ich spiele seit rund 40 Jahren Gitarre, angefangen vom klassischen Allround-Unterricht durch den Dorflehrer bis zu den diversen Bands der letzten Jahre. Die Intensität hat dabei immer geschwankt, ganz aufgehört hab ich nie, aber Profi werden wollte ich auch nie. Nach einigen Jahren vor allem mit Unterricht kam eine Phase mit Bands mit eigener Musik und dann seit 1991 die Zeit in meiner Coverband online.
Wir spielen derzeit rund 30 Gigs pro Jahr bei Weinfesten, Stadtfesten, Hochzeiten, Firmen-Events usw. In den Hochzeiten hatten wir über 50 Gigs im Jahr, fast alle in Sporthallen in Rheinhessen, als das noch die übliche Form der Dorfjugendunterhaltungsbranche war. Auch in der Zeit war es aber "nur" ein Hobby, die gesamte Band besteht aus "rheinhessischen Landei-Musikern", die sich teilweise schon von der Grundschule kennen. Also keinerlei Profi-Ambitionen, fast alle Autodidakten. Ich finde, dafür grooven wir ganz gut und müssen uns nicht verstecken.

Ab und zu gibt’s dann neben den "normalen" Gigs noch Besonderheiten wie Aufenthalte in Robinson-Clubs oder die Mitwirkung bei Musical-Aufführungen von Amateur-Theater- und Musical-Gruppen. Dazu werde ich auch ein bißchen was schreiben, weil es band-technisch und auch gitarristisch durchaus interessant ist, wie ich finde.

Unsere Besetzung: keyb / bass / drums / fem voc / Trompete / Sax & keyb / git. Bis auf den Bassisten singen alle, Chor oder auch Solo, unser Drummer ist der männliche Hauptsänger. Soviel Gesang ist natürlich toll und macht uns entsprechend flexibel, aber nicht einfach zu mischen und erfordert viele Monitorwege.

Seit einigen Jahren arbeiten wir bei kleinen bis mittleren Gigs ohne externe Beschallungsfirma und haben dafür ein digitales Presonus 16-Kanal-Pult. Das hat sich sehr bewährt, weil unser früher-nur-Roadie-und-jetzt-auch-Tonmann Andre so mit dem iPad von vorne mischen kann, wir aber keinen FOH-Platz brauchen. Am Anfang habe ich die kleinen Gigs parallel zum Gitarrespielen von der Bühne aus gemischt, was natürlich sehr viele Kompromisse erforderte.
Jetzt, mit dem Presonus-Pult, haben wir 6 Monitorwege zur Verfügung. Und mit der dazugehörigen App kann jeder seinen Weg selber steuern, also die Mischung und die Lautstärke regeln usw. Das alleine ist für mich schon ein Segen, weil früher immer jemand rief: "Mach mal die Keyboards bei mir leiser!" - "Und bei mir den Gesang von Judith lauter!" - "Und bei mir…" usw. Ich war während dem Gig dauernd in Aktion, was meinem Gitarrenspiel sicher nicht geholfen hat. Jetzt macht das jeder selbst.
Als ich mit dem Konzept dieses Pults und der "Fernsteuerung" über iPhone ankam, war die Skepsis natürlich erst groß. So komplizierte Technik - und wenn das hängen bleibt? Und was das kostet! Ich hab keinen Bock, das selber zu regeln, ich kapier das nicht! usw.
Neulich hatten wir mal für einen Gig ne externe Firma (große PA) und hinterher sagten alle: „Mensch, das war ja richtig doof, immer dem Tonmann sagen zu müssen, was man anders haben will. Ist ja mit unserem System doch deutlich bequemer!“
Wer also in seiner Band mit ähnlich vielen unterschiedlichen Monitor-Bedürfnissen klar kommen muß, dem kann ich so ein Setup nur empfehlen. Man braucht in den meisten Fällen einen Laptop als Bindeglied zwischen Pult und über WLAN kommunizierenden Mobilgeräten, was aber dank eines bei Presonus beigefügten one-click-Aufnahmeprogramms den Zusatznutzen hat, daß man ganz unkompliziert alle Eingänge auf getrennten Spuren digital und komplett „roh“ aufnehmen kann. Das Programm heißt „Capture“ und konfiguriert sich vollautomatisch, je nachdem welches Pult man angeschlossen hat (16.4.2 oder 24.4.2 oder 32.4.2). Beeinflusst wird die Aufnahme nur vom Gain-Regler. Nicht von den Kanaleinstellungen und nicht vom Fader. Die Übertragung der Signale vom und zum Pult läuft über ein einziges FireWire-Kabel, also ist das auch kein Hexenwerk.
Übrigens kann man genauso einfach die Aufnahme „zurück“ spielen und über das Pult wiedergeben. Das machen wir regelmäßig und können so einen „virtuellen Soundcheck“ machen: die Band baut auf, wir checken gemeinsam die Gain-Einstellungen, die Musiker stellen ihren Monitormix grob ein, wir spielen 2-3 Songs und dann kann die Band entweder nochmal heim fahren (wenn wir in der Nähe spielen) oder Kaffee trinken gehen oder mit den Groupies flirten. Andre und ich mischen dann in aller Ruhe, können nach Belieben Stellen loopen, Spuren stumm schalten oder an Details feilen, ohne daß jemand genervt ist.
Dieses Wochenende zum Beispiel haben wir bei uns in der Nähe gespielt. Da wir mit dem veranstaltenden Sportverein guten Kontakt haben, haben wir vereinbart, schon Freitag abend in die Halle zu gehen, aufzubauen und dann Samstag erst kurz vor Showtime zu kommen. Was die Fußballfans in der Band sofort super fanden, weil sie nicht vor Ende der Nachspielzeit zum Gig aufbrechen müssen…;)
Also haben wir am Freitag abend gemeinsam alles aufgebaut und eingestellt und 2 Songs aufgenommen, einen ruhigen mit Alex am Gesang („Reach out“ von Take That) und „Ain’t nobody“ mit Judith am Gesang.
Dann bei Capture auf Wiedergabe umschalten und am Pult die Kanäle auf „FireWire-Eingang“ umschalten, und schon kann die ganze Band unten stehen und sich anhören, wie sie selber klingt. Und jeder kann an seinen „Arbeitsplatz“ gehen und sich seinen Monitorsound zurechtmischen. Seltsames Gefühl, wenn man vor der eigenen Monitorbox steht und sich selbst dadurch singen und spielen hört!
Dann konnte die Band nach Hause fahren und wir haben noch in Ruhe etwa eine Stunde lang am Bassdrum-Sound, an der Klangregelung für ie Keyboards und am Gitarrensound gefeilt, inklusive Equalizing meines eigenen Monitorwegs. Und die anderen konnten sicher gehen, daß ihr Monitorsound dadurch nicht „versaubeutelt“ wird. Es ist so viel einfacher, einen solchen Livesound ohne den Stress ständig quengelnder Mitmusiker zu erstellen! Fast so relaxt wie im Studio.
Außerdem ermöglicht die Speicherbarkeit des Pults natürlich auch, die Grundeinstellung für die jeweilige Halle abzuspeichern und beim nächsten Mal wieder „hervorzuziehen“. Oder den bassdrum-Sound. Oder die Kompressor-Einstellungen am Gesang. Usw. usw…

So, das soll’s mal gewesen sein für den ersten Post. Die nächsten werden sicher noch ein bißchen konkreter und gitarrenbezogener. Bin gespannt auf Eure Rückmeldungen!
 
Gruß
Markus


"Communication is the problem to the answer" (Eric Stewart)
Verfasst am:

Re: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Hi.

Ob mich das generell interessiert, hängt vom jeweiligen Unterthema ab, denn Gitarre spiele ich auch. Ich brauche also Lese-"Mehrwert". Entweder Anekdoten oder Ungewöhliches oder aber neues, z.B. Technisches.

Das (letzteres) war hier vorhanden und ich habe es gerne gelesen. Danke.

Als Änderung würde ich mir wünschen, dass es mehr Absätze gibt. Eventuell bestenfalls mit Überschriften: Monitoring, Setup, ....

Das wäre Lese-Leitung Deluxe, denn dann weiß ich worum es wo geht.

Sonst gibt es das Oberthema "Meine Live-Erfahrungen" (die jeder hat, also was alleine nicht neugierig macht) und dann kommt da ein fetter ungeordneter Batzen Text im Block ohne Fotos oder Auflockerung und da muss man ein bißchen innerlich aufstöhnen bevor man zu lesen anfängt. Das ist schade.
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Ich lese das hier gerne und finde auch die Form gut! Vielen Dank!

Interessante Geschichte mit dem "virtuellen Soundcheck". So kann aktuelle Technik ein Segen sein. Wäre auch perfekt zum üben für Mischinteressierte geeignet!
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Danke für Eure Antworten. @ partscaster: ja, in der Tat ist das ein super Weg, um sich an sowas komplexes wie eine parametrische Klangregelung oder einen Kompressor heranzutasten. Zumal die geloopte Wiedergabe es erlaubt, auch kritische Passagen mehrfach komplett identisch anzuhören. Ohne daß man dem Sänger sagen muß: "Ne, vorhin haste lauter gesungen!" So haben wir das auch schon öfter genutzt, als Andre anfing uns zu mischen. Und manchmal nimmt er Pult und Laptop auch mit heim und "übt"...;)
 
Gruß
Markus


"Communication is the problem to the answer" (Eric Stewart)
Verfasst am:

Cover-Story: ein Dorf tanzt!

Ein Dorf tanzt
Wir spielen regelmäßig auf irgendwelchen Kerbe-Veranstaltungen (Kirchweih, Kirmes…you know what I mean). Ihr vermutlich auch. Und wenn man mal zwanzig davon hatte, weiß man wie ähnlich sich solche Veranstaltungen sein können. Gähn.
Es gibt aber auch Ausnahmen. Am Wochenende hatten wir eine davon: „Siefersheim tanzt!“
So lautet der Titel der Veranstaltung hier im rheinhessischen Siefersheim. Ein kleines Kaff mit ein paar guten Winzern, 1200 Einwohnern, wenig Kulturangebot, alles richtig Land. Aber es gibt einen Turnverein mit jede Menge Showtanzgruppen. Die wollten gern einmal im Jahr auch zuhause vorführen, was sie so können (abgesehen von den vielen Wettbewerben, an denen sie teilnehmen). Nur wird sowas ja schnell langweilig, wenn man mal drei Gruppen gesehen hat, müssen die Mädels schon sehr wenig anhaben, damit man noch hingucken will…
Ähnlich langweilig also wie das Standardmodell einer Kerb: Wein- und Bierausschank und Live-Tanzband.
In Siefersheim ist das aber alles anders: bei „Siefersheim tanzt“ gibt es ein paar Vorführungen, unterbrochen von längeren oder kürzeren Sets der Band (die auf der gegenüberliegenden Seite auf einer zweiten Bühne steht). Und damit die Gäste nicht sitzen bleiben, gibt es zum Übergang einen „freestyle“-Tanz: die Tänzerinnen der Showtanzgruppen mischen sich in den Saal - und das Erstaunliche: ganz viele Gäste machen sofort mit! Leider hab ich kein Video davon, denn die „moves“ sind nicht einfach nur Disco-Fox-Schritte aus der Tanzschule, sondern richtig komplexe Muster. Als wir das zum ersten Mal erlebten, dachten wir: wie geht denn das, die können das ja alle?? Keine Ahnung, wie sie das machen, aber es funktioniert. Und das bei völlig gemischtem Altersspektrum: von sechzehn bis sechzig sind alle da, und die meisten machen mit! Cool.

Da hat man’s als Band dann natürlich auch leichter, die Leute zum Tanzen zu bringen bzw. am Tanzen zu halten.
Dazu kommt eine sehr familiäre, nette Atmosphäre, die Helfer sind alle tiefentspannt, versorgen uns ganz unkompliziert mit Essen und Trinken, Parkplatz, Aufbau am Vorabend mit eigenem Hallenschlüssel, alles kein Problem. Sowas hat man echt selten in dieser Ausprägung.
Da macht es dann auch nix, wenn der Abend dann doch ganz anders abläuft und die charmante Moderatorin uns mehrfach umdirigiert: das zweite Set soll jetzt nicht zwei Stunden lang sein, sondern nur rund eine, dafür gibts danach noch zwei Sets, nicht noch eins. Und den Rock’n Roll-Song bitte doch schon am Anfang des dritten Sets, weil das Rock’n Roll Tanzpaar da schon vorführt. Ah ja…ein bißchen flexibel muß man schon sein als Band. Aber wenn sonst alles so schön passt, fällt uns das auch immer leicht. Außerdem gab’s gleich danach ne Runde Hütchen (Cola-Cognac) für die Band - unaufgefordert.
Wie wir mittlerweile mitbekommen haben, ist die Dorfgemeinschaft hier noch etwas, das wirklich gepflegt wird. Wenn wir sonst nicht viel haben, was die Leute hier hält, dann muß der Zusammenhalt eben klasse sein. Scheint zu funktionieren, man fühlt sich gleich wohl.

Ich finde bei solchen etwas chaotischen Veranstaltungen immer wichtig, daß man sich klar macht: das ist hier kein Konzert, es geht nicht um uns. Das ist für eine Cover-Band sicher notwendige Professionalität. Aber gleichzeitig auch entlastend: man baut sich ein in den Gesamtablauf und gibt damit auch ein bißchen Verantwortung für das Gelingen ab. Und wenn die Verantwortlichen happy sind mit der Zusammenarbeit, ist der Folge-Gig schon halb gebongt. Und als Nachbesprechung wird man zum Vereinsvorsitzenden nach Hause zur Weinprobe eingeladen…

Hier mal noch ein paar Schnappschüsse vom Samstag abend…



 
Gruß
Markus


"Communication is the problem to the answer" (Eric Stewart)
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Hey,

cool noch ein Blog mit Live-Erfahrungen...

Das mit den technischen Dingen finde ich ganz gut auch lese ich gerne wie es Leuten auf der Bühne geht, was sich dabei so abspielt und was musikalisch wie dargeboten wird.

Also für meinen Teil bitte gerne weitermachen, muss auch nicht so viel drumherum Info sein (Dorfjugend, Winzer, Zusammenhalt), aber dafür vielleicht mehr über dein Equipment, deine Rolle,...

DANKE, LG Hannes
 
endlich hab ich auch eine mySpace-Seite: http://www.myspace.com/hannestheisl
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Hi,
will auch nur sagen, dass ich das gerne lese.
Auch wenn ich nicht überall meinen Senf dazu gebe.
Gruß
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Hallo Markus,

mir gefallen sowohl deine technischen Beschreibungen als auch die deines "Auftrittsumfelds" (bescheuertes Wort, ich weiß). Vielleicht noch ein paar detaillierte Infos mit Fotos zu deinem persönlichen Gitarren-Equipment? Bitte weiter machen!

Grüße

Roland
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Ja, mich interessiert das auch! Ich spiele ja in einer ähnlichen Truppe auf ähnlichen Veranstaltungen.
Wir mischen uns von der Bühne runter auch selber und haben uns gerade das Behringer X32 gekauft. Das kann ja ähnliches, Hattet ihr das auch in der Auswahl? Wenn ja, was gab denn dann den Ausschlag für das Presonus?
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Hallo Jochen,
das Presonus schien uns deutlich "logischer" in der Bedienung als das X32, auch weil man keine Konfiguration über das Display machen muß. Die Anordnung des "Fat Channel" ist extrem verständlich und die traditionelle "Optik" erlaubt ja ein Arbeiten fast "wie früher" an einem analogen Pult.
Allerdings haben auch eine teilweise aus eigenen Erfahrungen begründete Skepsis gegenüber der Marke Behringer und die vielen hervorragenden Einführungs-Videos von Presonus eine große Rolle gespielt. Ich muß sagen, daß meine Begeisterung für das Pult und auch die Folgemodelle nach wie vor ungebrochen ist. Ich habe selten ein Stück PA-Equipment so gut gefunden wie dieses Pult. Ein tolles Ding.

Den anderen vielen Dank für das positive Feedback - ich werde auf jeden Fall demnächst mal mein Equipment ausführlicher vorstellen. Momentan fehlen ein paar Bilder dazu, aber vielleicht klappts schon am Wochenende.
 
Gruß
Markus


"Communication is the problem to the answer" (Eric Stewart)
Verfasst am:

Germany's next top modeling

Was bei meiner kleinen Nachspielkapelle so gitarrentechnisch läuft, wird euch sicher besonders interessieren. Würd es mich zumindest wenn jemand anders so was schreiben würde…

Ich habe in den 23 Jahren mit der Band natürlich schon einige Lösungen zur Verstärkung ausprobiertlen davor. Ein Rack mit mehreren Vorstufen, Röhrenendstufe, Alesis Quadraverb, EQ, Schublade, Feldbett und Trinkwasseranschluss. Ein Hughes & Kettner Triamp (was für ein Monster…). Ein Mesa Boogie Mk IV. Ein Fender Twin. Ein Princeton, beide mit Pedalen davor. Und jede Menge andere Varianten…

128 Presets Wahnsinn
Vor drei Jahren besaß ich schon mal ein Digidesign Eleven Rack (davon gibts auch hier noch einige Posts). Mit dem hab ich in der anfänglichen Faszination den gleichen Fehler gemacht wie früher mit dem großen Rack: alles geht? Na super, dann immer feste druff. Solange wir nicht mehr als 128 Songs am Abend spielen (machen wir selten…) kann ich doch für jeden Song einen eigenen Sound programmieren, oder? Cool. Also mit Ampsounds experimentiert, die Original-Aufnahmen sorgfältig angehört und mit parametrischen EQs ewig lange hin und her geschraubt. Stereo-Echo oder Ping-Pong? Oder Panning Delay? Klang alles sehr geil. Zuhause zumindest.
Die Erfahrungen auf der Bühne waren dagegen immer gemischt: manches klang klasse, manches schrecklich. Ich lernte: nicht jeder Sound setzt sich gleichermaßen durch. Mancher geht einfach unter. Entsprechend schwierig war es, die Lautstärke-Level zu balancieren. Und manche unserer früheren Soundleute mögen geflucht haben: kaum hatten sie ne Frequenzlücke gefunden, in der die Gitarre gut unterzubringen war, da wechselt der Depp da oben den Sound und plötzlich ist die Klampfe viel schriller, schärfer oder sonstwie anders.
Beim Rack war meine Konsequenz irgendwann: zurück zum Amp.
Das war auch schön. Aber irgendwie auch nicht. Den perfekten Sound gibt es ja sowieso nie, weil sonst die ganze Equipment-Branche pleite ginge. Ich wollte irgendwann doch gern die verschiedenen Zerr-Charakteristika unterschiedlicher Amps besser nachahmen können, als das mit Pedalen möglich ist. Und der Brass mit den ganzen Kabeln. Oder der Strom reicht nicht. Und die Schlepperei! Das f...Klettband, das entweder nicht klebt oder nicht klettet. Oder andere Defizite.

Weniger ist mehr. Und eleven ist weniger.
Also habe ich mir letztes Jahr nochmal ein Eleven Rack gekauft, nachdem ich doch so einige beeindruckende Aufnahmen gehört hatte. Mit den Erfahrungen vom „ersten Mal“ wusste ich diesmal sehr viel besser, wie ich damit praxisgerecht umgehe. Ein paar generische Sounds, die für die meisten Songs schon ausreichen: ein richtig cleaner Blackface-Sound, ein leicht knuspernder Bassman zwischen Clean und Crunch, ein knochiger Crunch-Plexi-Sound, ein fetter Rock-Rhythmus-Sound und eine Solo-Variante davon, mit etwas mehr Gain und mit Delay. Mit diesen fünf spiele ich etwa 80% unseres Repertoires. Dazu kommen dann noch ein paar speziellere Sounds: für „Pride“ von U2 braucht man natürlich das klassische Achteltriolen-Delay samt Solo-Variante. Für ein paar Songs ist ein Phaser wichtig (bei uns z.B. „Lost in music“ von Sister Sledge). Bei „Tage wie diese“ setze ich auch ein auf den Song abgestimmtes Delay ein. Bei „De doo doo doo“ muß natürlich ein Police-artiger leicht angezerrter Flanger-Sound her und auch „Purple rain“ ruft nach einem fuzz-artig verzerrten Solo-Sound.
Aber dabei bleibt’s dann auch, ich versuche immer, nicht zu übertreiben. Und ich versuche, die Sounds so abzustimmen, daß sie im Frequenzspektrum nicht gar so extrem auseinandergehen, damit unser Tonmann nicht dauernd hin- und herkurbeln muß.

Pimp my modeler: mit EPSi auf Warp 11
Ambitionierte Homerecording-Fans und User von Axe-FX und anderen Geräten wissen ja schon länger, wie sehr man den Sound eines Modelers aufwerten kann, wenn man als Cabinet Simulation nicht die integrierten Nachbildungen verwendet, die ja in der Regel „nur“ aus mehr oder weniger aufwendigen EQ-Presets bestehen, sondern statt dessen Impulsantworten einsetzt. Das sind „Fingerabdrücke“ von einer realen, statischen akustischen Situation, also z.B. einem Raum oder eben einer Kombination Speaker - Mikro - Aufnahmeraum. Solche „Impulse Responses“ (IR) lassen sich in der Form von WAV-Dateien in einen Aufnahmevorgang bzw. in die Erzeugung eines Gitarrensounds integrieren und übernehmen im Studio sehr oft die Rolle der Box und des Mikros. Der Vorteil ist die sehr viel größere Komplexität der Klangfärbung im Vergleich zu den nur über EQs erzeugten „Boxensimulationen“ in den meisten Modelern. Das Verfahren ist dem recht ähnlich, das mit dem Kemper als „Profiling“ bekannt geworden ist.
EPSi ist ein von der kanadischen Firma Logidy hergestelltes kleines Gerät in Form eines Fußpedal-Effektes, das nichts anderes macht als solche Impulse Responses von einer SD-Karte zu laden und „abzuspielen“, oder genauer: den am Input hineingeführten Sound über diese IR zu färben und dieses gefärbte Signal am Output bereit zu stellen. Es kostet knapp 200 € und liefert bereits viele Impulse Responses von Gitarrenboxen/Mikros mit, von denen einige sehr gute Qualität haben.
Im Eleven Rack User Forum haben einige Freaks so davon geschwärmt, daß ich mir ein EPSi gekauft habe. Und seitdem schwärme ich auch. Der Unterschied dieser Boxen-„Samples“ (so etwas ähnliches ist eine IR) zu den serienmäßigen Speaker-Simulationen im Eleven Rack ist beeindruckend. Diese wurden oft kritisiert für eine gewisse Künstlichkeit, zu hohen Treble-Frequenzanteil und ein digitales „Brizzeln“.
Netterweise kann man im 11R den Block „Speaker/Mic Simulation“ komplett abschalten und netterweise hat das 11R einen Effektweg, der stereo ausgelegt ist, wie auch das EPSi über Stereo Ein- und Ausgänge verfügt. Also einfach den Effektweg hinter den Amp-Block geschaltet, die interne Simulation deaktiviert und schon übernimmt EPSi den Job. Und alles klingt viel natürlicher, räumlicher, dreidimensionaler. Eben mehr so, wie man es von einem echten Amp in einem echten Raum gewohnt ist. Vorausgesetzt, man findet die richtige IR für den eigenen Geschmack. Aber davon gibt es schon gratis so viele Hundert im Netz und für wenig Geld noch viel mehr exzellente mit allen möglichen Speaker-Box-Mikro-Kombinationen, daß man da eigentlich fündig werden sollte.
Der Wermutstropfen: wenn man unterschiedliche Amps einsetzt, wäre es natürlich ideal, jeweils auch eine für den Amp „klassische“ Impuls Response einzusetzen. Dazu müsste das EPSi idealerweise per MIDI umschaltbar sein, was nicht der Fall ist. Der Footswitch zum An- und Ausschalten der IR ist m.E. relativ sinnlos, weil man ohne Boxensimulation ja nicht spielen mag. Will man also den Faktor Box/Speaker/Mikro ebenfalls als Teil eines Presets speichern, bleibt nur eine teurere Alternative wie etwa das Two Notes Torpedo Cab. Aber das kostet nicht nur 2,5 mal soviel wie das EPSi, es ist auch mit etlichen zusätzlichen Parametern zwar sehr viel mächtiger, aber auch viel komplexer.
Und ich habe erfreut festgestellt, daß meine bevorzugte IR für Clean-, Crunch- und Overdrive-Sounds gleichermaßen eine gute Wahl ist und immer besser klingt als die jeweilige „klassische“ Voreinstellung im 11R. Sollte das doch mal anders sein, kann ich immer noch beim jeweiligen Preset den Effektweg deaktivieren und den Speaker-Mic-Simulation-Block wieder aktivieren und das Ganze so abspeichern, d.h. ich muß beim Soundwechsel nichts zusätzlich umschalten.
Das EPSi bringt das 11R m.E. auf eine Stufe mit dem AxeFX, was die Amp-Sounds angeht. Bei den Effekten ist es spartanischer, aber die Grundsounds gewinnen unglaublich durch die IR-Technik. Und das für deutlich weniger Budget.

Die Wahrheit ist im Ohr: wer nicht hört, kann auch nicht spielen
Die Wahrheit ist im Ohr, so könnte man in Anlehnung an den Fußball-Slogan sagen. Was nützt mir der schöne Modeler, wenn ich ihn auf der Bühne nicht gut verstärken kann? Die Diskussion um FR FR (full range flat response) hatten wir ja hier auch schon öfter. Wenn ich meine Sounds zuhause mit Nahfeldmonitoren erstelle und dann live durch eine klangfärbende Aktivbox schicke, steh ich dumm da. War lange so - und letzten Endes war das digitale Pult (siehe erste Folge dieses Blogs) der Schlüssel zur Zufriedenheit. Das hat nämlich für jeden Aux-Weg einen eigenen 4-Band Parametrik-EQ. Und mein Monitor ist ein eigener Aux-Weg. Damit ist es leicht, den Klang der Aktivbox zu „linearisieren“. Erst recht bei Zuhilfenahme eines Messmikrofons und des im Pult eingebauten Real Time Analysers.
Das war für mich letzten Endes der Grund, auf einen Modeler zurück zu wechseln: mit dem alten, kleinen Powermischer ohne eigenen EQ im Weg hätte ich das sicher nicht gemacht. Jetzt kann ich aber den Klang so gut kontrollieren, daß das was ich zuhause vorprogrammiere auch mit ziemlicher Sicherheit live passt.

Zur Erhöhung des Komforts und Tempos bei Auf- und Abbau habe ich mir jetzt eine 19“-Rackblende zusammengeschraubt, die an der Vorderseite des Racks Anschlüsse für Strom (arretierbarer Kaltgerätestecker), Stereo out l/r (XLR-Buchsen), Expression Pedal Input (arretierbarer Klinkenstecker) und USB (für die Verbindung zur Fußleiste) bietet. Alles intern fest verkabelt. Ich muß also die Rückseite meines Rackbags gar nicht mehr öffnen und im Dunkeln nach Anschlüssen oder Buchsen tasten, sondern habe in maximal einer Minute alles verkabelt und bin spielbereit.

Meine Erfahrung ist also: Modeling ist für mich dann eine gute Lösung, wenn ich die Wiedergabe gut kontrollieren kann. Das Eleven Rack mit dem EPSi ist für mich der derzeit beste Kompromiß aus Klangqualität, Preis und Bedienbarkeit, ich bekomme von anderen Gitarristen durchweg positives Feedback zu den Sounds und bin sehr zufrieden mit der Kompaktheit des Setups. Ist alles sehr fix auf- und abgebaut und leicht zu transportieren.

Schon erstaunlich, wie das gleiche Stück Equipment früher zum Frust führte und heute problemlos funktioniert - weil die Rahmenbedingungen dafür besser passen. Es ist also manchmal nicht nur das eigene Equipment, sondern der Kontext, in dem man es einsetzt, der entscheidet, ob das Resultat gut oder mittelmäßig wird.
 
Gruß
Markus


"Communication is the problem to the answer" (Eric Stewart)
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Danke, Markus - immer wieder sehr interessant zu lesen!
Vor allem dein Schluss-Satz gehört dick unterstrichen... )
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Hallo Markus,

interessant zu lesen, wobei ich es wahnsinnig finde, welchen immensen technischen und "programmiermäßigen" Aufwand du betreibst.

Was ich mich frage: Wie konnten wir damals mit einem geringen technischen Aufwand mit ner Gitarre, nen einfachen EQ als Solo-Booster in einen 2204er Halfstack, (die Sounds von clean bis "Metal" wurden einfach über das Volume-Poti an der Gitarre geregelt), ohne In-Ear- oder andere Monitor-Lösungen und dem Fehlen von Multi- oder Rack-FX überhaupt live spielen?

Geht das heutzutage überhaupt noch?
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

hi rokett,
gute Frage! Hier wird ja auf diese Frage meist (und nicht ganz unberechtigt) geantwortet, daß man sich halt mehr auf die Musik und weniger auf die Technik konzentrierte. Find ich auch eine legitime Antwort. Aber ganz ehrlich: Gitarre ist so ein sinnliches Instrument und der Genuß eines stimmigen Gitarrensounds macht so ein Vergnügen, daß ich es mir einfach gönnen möchte, bei diesem meinem einzigen Hobby perfektionistisch zu sein. Ich denke, das teilen auch die meisten der hier Anwesenden.
Solange man nicht anfängt zu glauben, der tolle Amp/Effekt/Sound würde einen automatisch zu nem tollen Gitarristen machen (und man müsste nicht mehr üben), ist alles gut, finde ich.
Wobei ich witzigerweise meine jetzige Lösung als extrem wenig aufwendig beurteilen würde - im Vergleich zu den Zeiten mit dem großen Rack oder denen mit dem großen Pedalboard. Der Aufwand steckt halt heute mehr in Chips (im Modeler und im Mischpult) und früher steckte er mehr in voluminöser Hardware, Kabeln, Boxen, Schaltern usw.
 
Gruß
Markus


"Communication is the problem to the answer" (Eric Stewart)
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

rokett schrieb:
Was ich mich frage: Wie konnten wir damals mit einem geringen technischen Aufwand mit ner Gitarre, nen einfachen EQ als Solo-Booster in einen 2204er Halfstack, (die Sounds von clean bis "Metal" wurden einfach über das Volume-Poti an der Gitarre geregelt), ohne In-Ear- oder andere Monitor-Lösungen und dem Fehlen von Multi- oder Rack-FX überhaupt live spielen?

Geht das heutzutage überhaupt noch?

Das kommt doch immer drauf an, was man für Musik macht, und was man selbst für einen Anspruch hat:
In einer Top40-Band, wo Du ohne Not "Atemlos", "I will survive", "Moves like Jagger", "Highway to hell", "Tage wie dieser", "Californication" und "Enter sandman" im Programm haben kannst, wird man mit dem 2204 + Boost sicher Abstriche machen.
Gerade bei so Disco-Nummern (zB Bruno Mars oder EW&F) wird der Marshall nur schwer diese typischen ChackaWacka-Cleans liefern können.
Bei einer kernigen Rocktruppe, die AC/DC, Guns ´n Roses, Who und Black Crowes covert, wirst Du mit dem Marshall-Rig alles richtig machen ...
 
Grüße DeLüXe vom Rolf
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

Hallo!

Schöne Berichte, gerne mehr davon!

Mir fällt auf, dass das Thema Monitore einen immer breiteren Raum einnimmt, einige gestalten sich sogar ihr Monitormixe selbst. Dabei lese ich dann so Sachen wie "brauche nur Bass und ein bißchen Gesang, bloß keine Keyboards."

Ich verstehe nicht ganz, warum. Ich möchte doch die gesamte Band hören, weil ich gerne höre, was die Band spielt? (Kleine Anekdote am Rand: Ein Schlagzeuger sagte genau den Satz oben, er meinte, dass das Timing der Keyboarderin so schlecht sei, dass er selbst beim Zuhören aus dem Takt käme, wenn er sie auf dem Monitor hätte.)

Warum wollt ihr nicht alles auf dem Monitor?

Gruß

erniecaster
Rent a bench! Gitarrenbaukurs unter fachlicher Anleitung
Verfasst am:

RE: Cover-Story: live-Erfahrungen mit meiner Nachspielband

erniecaster schrieb:
Hallo!
......
"brauche nur Bass und ein bißchen Gesang, bloß keine Keyboards."

......

Warum wollt ihr nicht alles auf dem Monitor?

Gruß

erniecaster


Muss ich überlesen haben...kann ich so nicht finden...

Aber ein Grund könnte sein, dass sich die Monitore so überschneiden, dass ich das Keyboard auch trotzdem gut höre (aus einer anderen Monitorbox).

Beim Gesang sieht es so aus. Wenn man 5 Stunden singen muss dann MUSS man sich so gut hören, dass man entspannt singen kann. Sonst is die Stimme weg. Das spielt bei kürzeren Auftritten keine so grosse Rolle.

LG
Auge
 
...Genau!
Meine Live Projekte:
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